Bioarchäologie: Die Wahrheit liegt in den Knochen

Wer behauptet, früher sei alles besser gewesen, sollte einmal Michaela Binder bei ihren Ausgrabungen begleiten. Binder ist Bioarchäologin und arbeitet an der Schnittstelle von Biologie, Anthropologie und Archäologie. Sie untersucht menschliche Skelettreste aus archäologischen Kontexten und rekonstruiert daraus, wie Menschen gelebt haben – von Ernährung über Krankheiten bis hin zu Arbeitsbelastung und Lebenserwartung.

Was ein Orthopäde heute im Röntgenbild erkennt, sucht sie am historischen Skelett: Gelenkverschleiß, Knochenumbauten, Spuren von Mangelernährung oder Infektionen. Skelette sind dabei keine abstrakten Relikte, sondern direkte Archive des Lebens – oft die einzige Quelle für Erfahrungen, die nie schriftlich festgehalten wurden.

Besonders deutlich wird das an einem Wiener Forschungsprojekt zum ehemaligen Elisabethinen-Spital, dem ersten Wiener Frauenspital. Dort wurden bei baubegleitenden archäologischen Untersuchungen 355 Skelette aus einem Patientinnenfriedhof geborgen. Was lässt sich aus diesen Toten über die soziale und medizinische Geschichte der Stadt lernen?

(c) Michaela Binder

Bei den Elisabethinen führt diese Frage direkt ins Arbeitsleben der frühen Neuzeit. Nach bisherigen Untersuchungen handelt es sich vielfach um junge Frauen, viele davon Dienstbotinnen. In ihren Knochen finden sich Spuren von Mangel im Kindesalter, körperlicher Schwerarbeit und chronischen Infektionen. Hinweise auf soziale Ungleichheit, die sich buchstäblich im Körper eingeschrieben hat.

Die Befunde der Bioarchäologie widersprechen auch generell der Vorstellung einer „gesünderen“ Vergangenheit. Das, zeigt ein Fund aus dem Sudan, an dem Binder beteiligt war: ein rund 3000 Jahre altes, vollständiges Skelett mit deutlichen Spuren von Krebsmetastasen. Solche Funde sind selten – auch weil Krebs am Skelett nur sichtbar wird, wenn die Krankheit lange genug fortschreitet. Der Befund korrigiert ein verbreitetes Missverständnis: Krebs ist keine reine Zivilisationskrankheit. Es gab ihn bereits in der Antike.

Vielleicht ist das die eigentliche Lektion der Bioarchäologie: Sie entzieht der Vergangenheit ihre Patina und macht sie wieder körperlich erfahrbar. Nicht als romantische Erzählung, sondern als Realität aus Gelenken, Zähnen, schlecht verheilten Knochen und den langfristigen Folgen harter Arbeit.

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