
Auf der grünen Bank von Henri Lebasque

Im Museum nimmt euch mit in Ausstellungen, Sammlungen, Archive und Depots. Wir gehen dorthin, wo Dinge aufbewahrt, erforscht und erzählt werden – und sprechen mit den Menschen, die Kunst, Kultur und Geschichte lebendig machen.
Mal steht ein einzelnes Objekt im Mittelpunkt, mal eine ganze Ausstellung, ein Museum oder ein Thema. In kurzen Objektgeschichten, persönlichen Rundgängen, Reportagen, Features, Deep Dives und Audioguides erkunden wir, was Museen sammeln, zeigen und über unsere Gegenwart erzählen.
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Wenn die Kamera die Realität schnell und scharf einfangen konnte, was blieb dann noch für die Malerei?
Diese Herausforderung stellte sich auch Lebasque, der 1911 das Werk „Auf der grünen Bank“ schuf. Das Gemälde zeigt seine Tochter Marthe auf einer knallgrünen Bank, ein kleines Portrait des Alltags – und doch ist es viel mehr. Lebasque spielt mit Kontrasten: Im Vordergrund sehen wir Marthe in lebendigen Farben und klaren Linien, im Hintergrund aber erscheint ihre jüngere Schwester nur als sanfter Farbfleck. Der Clou? Diese Kombination von Schärfe und Unschärfe greift eine Technik auf, die in der Fotografie bereits üblich war.
Lebasque schafft hier eine Art malerische Fotografie: Die Schärfe von Marthes Gesicht zieht uns unweigerlich an, während der verschwommene Hintergrund Tiefe und Kontext bietet. Er setzt Farben wie ein Regisseur das Licht, lenkt unseren Blick und lädt uns ein, die Realität auf eine neue Weise zu erleben. Die Stoffe, die Marthe trägt, ein Kimono-artiges Gewand in leuchtenden Farben und asiatischen Mustern, verweisen zudem auf die damalige Begeisterung für den Fernen Osten, die die Künstler und Künstlerinnen der Zeit erfasste. Inspiration fand Lebasque hier ebenso wie in der Technik der Fotografie – für ihn waren beides Werkzeuge, um die Malerei neu zu beleben.
In dieser Krise der Malerei schlummert also eine Art Befreiung: Es ging nicht länger darum, die Realität bloß abzubilden. Vielmehr wurde die Leinwand zu einem Experimentierfeld, zu einer Fläche für die subjektive Sichtweise und für den Ausdruck dessen, was das Auge nicht sofort wahrnehmen kann. Ein Bild, das uns heute vielleicht sanft und bescheiden erscheint, war damals ein leiser, aber bedeutsamer Schritt in die Moderne.
Während wir also auf die grüne Bank in der Albertina blicken, zeigt sich, wie sehr die Technik – damals wie heute – die Kunst immer wieder auf neue Pfade lockt. Ein kleines Gemälde, eine große Idee: Die Kunst braucht die Wirklichkeit nicht zu kopieren; sie kann das Unsichtbare sichtbar machen.


