
Ägyptisches Totenbuch: Eine Gebrauchsanweisung fürs Jenseits
Ein ägyptisches Totenbuch ist ein Handbuch für den letzten, denkbaren Grenzübertritt. Der sechs Meter lange Papyrus im Papyrusmuseum, um 1450 vor Christus entstanden, versammelt Sprüche, Formeln und Bilder für eine Reise, die nach altägyptischer Vorstellung alles andere als symbolisch war. Wer sterben musste, brauchte Ausrüstung.
Bernhard Palme, Direktor der Papyrussammlung der Österreichischen Nationalbibliothek und Althistoriker an der Universität Wien, beschreibt dieses Objekt entsprechend konkret. Ein Totenbuch sei keine bloße fromme Beigabe, sondern ein Set von Texten, die man im Jenseits griffbereit haben sollte. Rund 190 Sprüche, Gebete, magische Formeln und liturgische Texte konnten dazugehören. Sie sollten helfen, Prüfungen zu bestehen, Gefahren zu umgehen und am Ende vor Osiris zu bestehen, jenem Gott, der über den Eintritt in das ewige Leben entschied.
Gerade darin liegt der Reiz dieses alten Papyrus. Er zeigt ein Jenseits, das nicht als diffuser Trost entworfen ist, sondern als Wegstrecke mit Hindernissen. In der Mitte des Wiener Totenbuchs taucht etwa ein Feuersee auf, von Palme als altägyptischer Vorläufer einer Hölle bezeichnet. Solche Details machen klar, wie handfest diese Vorstellungswelt war. Das Paradies war erreichbar, aber nicht ohne Prüfungen. Man musste wissen, was zu sagen war, wen man vor sich hatte und wie man heil ankam.
Dass dafür eigens ausgebildete Schreiber beauftragt wurden, rückt das Totenbuch zugleich in die Nähe eines Luxusartikels. Jeder Papyrus wurde für eine bestimmte Person hergestellt. Es gab einen festen Kern an nötigen Texten, dazu Passagen, die offenbar je nach Wunsch oder Geldbeutel ergänzt oder weggelassen werden konnten.
Palme ordnet das Stück in eine viel längere Textgeschichte ein. Die Idee solcher Jenseitstexte reicht bis zu den Pyramidentexten des Alten Reichs um 2500 vor Christus zurück, also zu Inschriften, die zunächst Pharaonen, ihren Familien und den höchsten Amtsträgern vorbehalten waren. Später wanderten vergleichbare Texte auf Sarkophage, noch später auf Papyrus. Das Wiener Exemplar gehört damit zu den frühen Vertretern einer Tradition, die sich erstaunlich zäh hielt. Selbst unter den griechischsprachigen Ptolemäern, lange nach dem Ende der Pharaonenherrschaft, wurden Totenbücher weiterverwendet. Im Museum lässt sich dieser lange Bogen an einem jüngeren Beispiel ablesen, das bereits die berühmte Gerichtsszene zeigt, in der die moralische Bewährung des Verstorbenen geprüft wird.
Die eigentliche Zumutung dieses Objekts liegt aber in seiner Zeitdimension. Zwischen dem alten und dem jüngeren Totenbuch, von denen Palme spricht, liegen 1200 Jahre Textgeschichte. Als Julius Caesar nach Ägypten kam und Kleopatra begegnete, war dieses Stück bereits rund 1400 Jahre alt. Der Papyrus wird dadurch zum Beleg für kulturelle Dauer: für Formeln, Bilder und Jenseitslogiken, die politische Umbrüche, Dynastien und Sprachen überlebt haben.
Vielleicht erklärt sich auch so, warum der Vergleich mit einer „Bedienungsanleitung für tote Menschen“ eigentlich gar kein schlechter ist: Er nimmt ernst, dass diese Texte praktischen Nutzen haben sollten. Nicht im metaphorischen Sinn, sondern als Werkzeug. Der Tote sollte sprechen können, wo Schweigen gefährlich war. Er sollte Namen kennen, wo Unkenntnis den Weg versperrte. Und er sollte, wenn alles gutging, mit seinem mumifizierten Körper wiedervereint werden und eine neue Existenz führen.
Der Papyrus ist im Papyrusmuseum der Österreichischen Nationalbibliothek in Wien zu sehen. Dort wird das Original zusammen mit einer digitalen Aufbereitung präsentiert, die die Szenen und Abbildungen erläutert. Das Museum befindet sich in der Neuen Burg am Heldenplatz, 1010 Wien.
Shownotes
Papyrusmuseum Wien



