
Bär mit Gewehr, Becher im Bauch: Wie ein Kunstkammer-Objekt die Welt verkehrt
Ein Bär steht aufrecht, trägt Hut, Pulverflasche und Gewehr – und zielt ausgerechnet auf die Menschen vor der Vitrine. Der Witz dieses Objekts ist sofort verständlich und trotzdem nicht harmlos. Der „Bär als Jäger“ aus der Kunstkammer des Kunsthistorischen Museums Wien dreht das gewohnte Verhältnis von Mensch und Tier um. Nicht der Mensch erlegt das Tier, sondern das Tier nimmt den Menschen ins Visier. Solche Umkehrungen gehörten im 16. Jahrhundert nicht bloß zum Scherzrepertoire, sie waren eine Form, Gewissheiten spielerisch zu verrücken.
Rotraut Krall, Kunsthistorikerin am Kunsthistorischen Museum, beschreibt das Stück als Kunstkammer-Objekt im besten Sinn: klein, raffiniert, überraschend und so gebaut, dass es erst nach und nach seine Pointen preisgibt. Geschaffen wurde die Figur um 1580/81 von Gregor Bair. Der Bär ist aus Silber geformt und mit Ambra überzogen – jenem kostbaren tierischen Duftstoff, der damals fast wie Gold gehandelt wurde und in der Parfümherstellung begehrt war. Schon die Materialwahl gehört also zum Programm: Das Tier wirkt zottelig, fast lebendig, und ist zugleich ein Luxusgegenstand aus seltenem Stoff.
Dann beginnt die Mechanik. Man kann dem Bären den Kopf abnehmen; im Körper steckt ein kleiner Trinkbecher. Auf der Standplatte sitzt links ein winziger goldener Hund, der sich wie ein Riegel verschieben lässt. Bewegt man ihn, fährt zwischen den Vorderpfoten des Bären ein Spielbrett hervor – für Mühle, Schach und Backgammon. Gleichzeitig springt im Rücken ein kleiner Berg auf wie ein Vulkan, und heraus kommt ein seltsames Mischwesen: ein Affe, fast drachenartig, in blauem Email gekleidet, mit einer Tafel in der Hand, die an ein Gesetzesbuch erinnert. Spätestens hier ist klar, dass dieses Objekt nicht nur Bewunderung für Goldschmiedekunst erzeugen will. Es arbeitet mit Schreckeffekt, Kippfigur und Überladung. Es ist eine kleine Maschine des Staunens.
Gerade diese Überfülle macht den Gegenstand interessant. Der Bär ist Jagdstück, Trinkgefäß, Spielapparat und Spottbild zugleich. Der Bienenkorb als Hut spielt mit dem bekannten Bild des honigliebenden Bären. Der bewaffnete Tierkörper macht aus dem Jäger eine Karikatur. Der Affe, der aus dem „Vulkan“ auftaucht und an einen Geistlichen erinnert, bringt eine Spitze ins Spiel, die sich vor dem Hintergrund der konfessionellen Spannungen um 1580 kaum neutral lesen lässt. Das entspricht der lustvollen Verbindung von Natur, Spaß und Kritik, die Rotraut Krall an dem Objekt hervorhebt.
Damit ist man bei der eigentlichen Pointe des Stücks: Kunstkammern sammelten nicht einfach schöne Dinge. Sie sammelten auch Effekte. Sie wollten Gäste verblüffen, unterhalten und zum Staunen bringen. Der „Bär als Jäger“ eignet sich dafür perfekt, weil er diese Mischung offen vorführt. Er ist kostbar gearbeitet, aber nicht ehrfürchtig. Er ist gelehrt, aber nicht trocken. Er ist ein Objekt, das seine Betrachter erst erschrecken und dann zum genaueren Hinschauen zwingen soll.
Besitzer des Bären war Erzherzog Ferdinand II. von Tirol, einer der großen Sammler der Habsburger im 16. Jahrhundert. Er war ein Sohn Kaiser Ferdinands I., hatte als Zweitgeborener aber keine Aussicht auf das Kaiseramt. Später ging er mit Philippine Welser eine morganatische Ehe ein. In Prag hatte er bereits begonnen zu sammeln; nach dem Umzug nach Innsbruck ließ er Schloss Ambras renovieren und richtete dort seine berühmte Kunstkammer ein. Ambras wurde so zu einem zentralen Ort höfischer Selbstdarstellung und Sammlungskultur.
Wie diese höfische Welt funktionierte, zeigt eine Szene, die heute fast zu gut klingt, um wahr zu sein. Neuankömmlinge auf Schloss Ambras mussten offenbar eine Trinkprobe bestehen. In der Bacchusgrotte setzte man sie auf einen besonderen Stuhl; kurz darauf hielten verborgene Vorrichtungen die Gäste fest. Dann mussten sie eine vorgegebene Menge Wein austrinken, ohne abzusetzen. Erst danach wurden sie wieder befreit und, bei bestandener Probe, in eines der berühmten Trinkbücher eingetragen. Der Becher im Bauch des Bären ist vor diesem Hintergrund keine Nebensache, sondern verweist auf Vergnügen, Ritual und Vorführung am Hof Ferdinands II.
Krall lenkt den Blick aber noch auf etwas anderes, das leicht hinter all dem Witz verschwindet: die Ordnungsliebe des Sammlers. Ferdinand II. ließ Kästen mit verschiedenfarbigen Hintergründen anfertigen und sortierte seine Bestände nach Materialien. Dabei unterschied er etwa Naturalia, Mirabilia, Exotica und Scientifica. Das klingt heute nach Vorform des Museums. Zugleich zeigt gerade die unsichere Trennung der Kategorien, wie sehr die Kunstkammer ein Übergangsraum war: zwischen Schatzkammer und Forschung, zwischen Wunderkabinett und System.
Der „Bär als Jäger“ führt diesen Übergang in Miniatur vor. Er ist Naturbild und Kunstprodukt, Scherzartikel und Statussymbol, Denkspiel und Gesellschaftsgerät. Wer ihn heute anschaut, sieht nicht nur einen kuriosen Silberbären, sondern ein Objekt, an dem sich zentrale Prinzipien der Kunstkammer zeigen: Überraschung, Materialluxus, Anspielung und Ordnungslust.
Der „Bär als Jäger“ ist in der Kunstkammer des Kunsthistorischen Museums Wien zu sehen. Das Objekt stammt aus den habsburgischen Sammlungen; vergleichbare Zusammenhänge führen auch nach Schloss Ambras Innsbruck.
Shownotes
KHM Museumsverband



