
„Alles vergessen“ im Jüdischen Museum Wien
Vergessen. Das Wort klingt nach Verlust, nach etwas, das entglitten, ausgelöscht, aus der Welt gefallen ist. Doch so eindeutig ist das nicht. Die Ausstellung „Alles vergessen“ im Jüdischen Museum Wien am Judenplatz setzt genau an dieser Unschärfe an. Sie zeigt: Über das Vergessen lässt sich nur sprechen, wenn man zugleich von Erinnerung spricht. Beides ist untrennbar ineinander verschränkt – als Prozesse des Speicherns, Verdrängens, Umlenkens und Wiederauftauchens.
Ein zentrales Bild dafür findet die Schau im Zettelkasten des Soziologen Niklas Luhmann, der prominent in der Mitte eines der beiden Ausstellungsräume platziert wurde. Luhmann verstand Gesellschaft nicht als Gedächtnis mit lückenloser Ablage, sondern als System, das auswählt, ablegt, aussortiert und mitunter überraschend reaktiviert. Sein Begriff des „Verwahrensvergessens“ beschreibt deshalb mehr als eine kluge Theorie. Er hilft zu begreifen, wie Gesellschaften mit Vergangenheit umgehen: Vieles ist nicht wirklich verschwunden, sondern nur aus dem Blick geraten – aufgehoben im Archiv des kollektiven Gedächtnisses, bis Forschung, politische Konflikte oder Zufälle es wieder an die Oberfläche holen.
Gerade in Österreich ist das mehr als ein abstrakter Gedanke. Die Ausstellung erinnert auch daran, wie lange es dauerte, bis sich die Gesellschaft ernsthaft mit ihrer Mitverantwortung an den Verbrechen des Nationalsozialismus auseinandersetzte. Ein Beispiel ist das Wehrstammbuch von Kurt Waldheim, das im Zuge der Waldheim-Affäre 1986 öffentliche Aufmerksamkeit erhielt. Solche Dokumente verändern nicht nur historische Urteile. Sie können auch Familiengeschichten in Bewegung bringen, Schweigen brechen und Fragen hervorholen, die jahrzehntelang unter Verschluss waren.
Dass Museen dabei keine neutralen Lagerhallen sind, sondern Orte der Reaktualisierung, gehört zu den klugen Grundgedanken der Schau. Daniela Pscheiden, die Co-Kuratorin, beschreibt, wie auch in Depots Dinge liegen, die fast vergessen wurden. In Kooperation mit dem Jüdischen Museum Hohenems zeigt die Ausstellung etwa Tora-Aufsätze (Rimmonim), die lange nicht ausgestellt waren. Sie werden in den Presseunterlagen als Metallarbeiten aus Wien um 1900 geführt. Gerade darin liegt ihre Bedeutung: Vergessen werden oft nicht nur Menschen und Ereignisse, sondern auch soziale Erfahrungen, die nicht ins glanzvolle Geschichtsbild passen.
Die Verbindung nach Hohenems öffnet noch eine weitere Perspektive. Dort existierte einst eine jüdische Gemeinde; nach 1945 bestand sie nicht mehr fort. Die ehemalige Synagoge in Hohenems wurde 1954/55 in ein Feuerwehrhaus umgebaut. Die Gedenktafel die seit den 1990er Jahren nun wieder an die Vergangenheit dieses Ortes erinnert, ist auch in der Ausstellung zu sehen. Vergessen und Erinnern werden eben auch immer gemacht.
Besonders anschaulich wird das an Objekten und künstlerischen Arbeiten, die zeigen, wie Erinnerung ausgelöscht, überschrieben oder neu sichtbar gemacht wird. Dazu zählt etwa Kurt Waldheims Wehrstammbuch, das in der Ausstellung für die österreichische „Vergessenskultur“ der Zweiten Republik und die „Opferthese“ steht.
Daniela Pscheiden interessiert dabei nicht nur das Politische, sondern auch das sehr Persönliche. Zu den eindrücklichsten Arbeiten der Ausstellung gehören Selbstporträts des Künstlers William Utermohlen, die nach seiner Alzheimer-Diagnose entstanden. In ihnen lässt sich verfolgen, wie sich seine bildnerische Selbstwahrnehmung verändert. Was hier sichtbar wird, ist eine schmerzhafte Form des Vergessens: der Verlust von Orientierung und Identität. Gerade deshalb führt die Ausstellung das Thema nicht bloß als gesellschaftliche Debatte, sondern auch als existenzielle Erfahrung vor.
Vom individuellen Gedächtnis führt der Weg direkt in die digitale Gegenwart. Das sogenannte „Recht auf Vergessenwerden“ wirkt heute dringlicher denn je. Informationen, Bilder und Fehltritte verschwinden im Internet nicht einfach, sondern zirkulieren weiter, werden kopiert, kontextlos geteilt oder in neuen Zusammenhängen sichtbar. Daniela Pscheiden verweist auf die Belastung, die das gerade für junge Menschen haben kann, etwa bei digitalem Mobbing oder dem ungewollten Verbreiten intimer Bilder. Vergessen erscheint hier nicht als Problem, sondern als notwendige Schutzfunktion. Auch das gehört zu den stärkeren Einsichten dieser Ausstellung: Nicht jede Erinnerung ist automatisch gut, und nicht jedes Vergessen ist moralisch verdächtig.
Schon am Beginn der Schau wird diese Ambivalenz verdichtet. Ein verlässlicher Bezugspunkt in den offiziellen Unterlagen ist hier das Werk der Künstlerin Brigitte Kowanz: Ihr Lichtobjekt „Lizkor veLishkoach / Remember and Forget“ überblendet die hebräischen Schriftzüge für „erinnern“ und „vergessen“ auf einer reflektierenden Fläche. Zugleich verweisen die offiziellen Ausstellungstexte darauf, dass sich im Hebräischen die Wörter „lischkoach“ (vergessen) und „koach“ (Macht bzw. Stärke) reimen. Genau darum kreist die Ausstellung immer wieder: Vergessen kann Ohnmacht bedeuten, aber auch Handlungsmacht. Wer bestimmt, woran erinnert wird? Wer darf festlegen, was aus dem Blick gerät? Und wer trägt die Folgen dieser Entscheidungen?
Im jüdischen Kontext bekommen diese Fragen ein besonderes Gewicht. Erinnerung ist hier nicht nur kulturelle Praxis, sondern oft identitätsstiftend und überlebenswichtig. Daniela Pscheiden verweist auf den Bann, den Cherem, am Beispiel Baruch de Spinoza, der 1656 aus der Amsterdamer portugiesisch-jüdischen Gemeinde ausgeschlossen wurde. Ein solcher Bann bedeutete nicht nur religiöse Trennung, sondern auch sozialen Ausschluss. Zugleich zeigt das Beispiel, wie Erinnerung und Auslöschung ineinandergreifen: Jemand soll aus der Gemeinschaft entfernt werden, bleibt aber gerade dadurch als Fall präsent.
Ähnlich paradox ist die Figur Amalek, des biblischen Urfeinds. In der jüdischen Tradition gibt es die Aufforderung, Amalek nicht zu vergessen und zugleich sein Andenken auszulöschen. Spätestens an der Purim-Erzählung rund um Haman zeigt sich diese eigentümliche Verschränkung: Das ritualisierte Auslöschen oder Übertönen eines Namens produziert eine besonders nachhaltige Form des Erinnerns. Genau solche Widersprüche machen die Ausstellung sehenswert.
Die Ausstellung „Alles vergessen“ ist im Jüdischen Museum Wien, Museum Judenplatz, von 28. Jänner 2026 bis 17. September 2026 zu sehen.
Shownotes
Memory Lost by Arnold Dreyblatt



