Hermesvilla in Wien: die Lichtfee Peri als selbstbild einer Kaiserin

Manchmal steht der aufschlussreichste Gegenstand nicht im großen Saal, sondern gleich beim Eingang. In der Hermesvilla im Lainzer Tiergarten liegt eine Frau aus weißem Marmor auf Wellen, mit Schmetterlingsflügeln, langem Haar und einem Kind im Arm. Die Figur heißt Peri, eine Lichtfee aus der persischen Mythologie. Für Michaela Lindinger, Kuratorin im Wien Museum und für die Hermesvilla zuständig, ist sie mehr als ein hübsches Stück historistischer Ausstattung: ein ziemlich genaues Selbstbild der Kaiserin Elisabeth.

Das ist deshalb bemerkenswert, weil die Hermesvilla selbst nie ganz Elisabeths Ort war. Kaiser Franz Joseph ließ sie in den 1880er Jahren als Rückzugsort für seine Frau errichten, ein „Altersrefugium“ im Grünen. Elisabeth hielt sich zwar regelmäßig dort auf, oft zwei bis vier Wochen im Mai oder Juni, sogar noch 1898, im Jahr ihres Todes. Aber wirklich identifiziert hat sie sich eher mit einem anderen Besitz: dem Achilleion auf Korfu, das sie im Gegensatz zur Hermesvilla selbst einrichtete, bis hin zu den Möbeln und Kunstwerken, die per Schiff nach Griechenland gebracht wurden. Als das Schloss fertig war, verlor sie prompt das Interesse und wollte es wieder verkaufen. Auch das gehört zu dieser Biografie: Elisabeth liebte den Aufbruch mehr als das Ankommen.

Peri kam genau auf diesem Umweg nach Wien. Die Statue war ursprünglich für das Achilleion bestimmt. Nachdem das Schloss ausgeräumt wurde, gelangte ein Teil der Einrichtung in die Hermesvilla, darunter diese Figur. So steht dort heute ausgerechnet ein Objekt, das von einem anderen, stärker gewünschten Ort erzählt.

Lindingers Deutung wird dort besonders konkret, wo sie nicht psychologisiert, sondern auf Details zeigt. Peri ist eine Gestalt, deren Kraft aus dem Haar kommt. Elisabeth, deren Haar legendär war und bis zu den Fersen gereicht haben soll, musste dieser Zug auffallen. Sie schnitt es praktisch nie und machte es zu einem Teil ihrer Erscheinung. In der Marmorfigur sah sie offenbar eine jüngere Version ihrer selbst: die langen Haare, die schwebende Leichtigkeit, die Stilisierung zur entrückten Frauenfigur. Dass Elisabeth beim Kauf bereits über 50 war, macht diese Wahl eher schärfer als rührselig. Die Statue blickt in diesem Sinne zurück auf eine frühere Lebensphase.

Dazu passt das Kind im Arm der Peri. Lindinger verknüpft es mit Marie Valerie, Elisabeths jüngster Tochter und dem einzigen Kind, dessen Erziehung sie nach eigenem Willen überwachte. Als Marie Valerie heiratete, empfand Elisabeth das offenbar als Verlust. In der Figur mit dem Kind liegt deshalb nicht nur Mythologie, sondern auch ein rückwärts gerichtetes Selbstbild als junge Mutter.

Und dann ist da noch der Anker. Man sieht ihn nicht sofort, sagt Lindinger, man muss um die Figur herumgehen. Genau dieses Detail macht die Statue unverwechselbar. Der Anker verweist zunächst auf Elisabeths rastlose Reisetätigkeit. In ihren letzten zehn Lebensjahren war sie fast unablässig unterwegs, oft auf See. Zugleich verweist er auf eine Episode, die so unerquicklich wie präzise ist: Elisabeth ließ sich zwischen 50 und 52 ein Anker-Tattoo auf die Schulter stechen. Lindinger erwähnt dazu die wahrscheinliche „Hafenspelunke“. Tätowierungen waren damals modern, auch im Adel, bei Frauen aber ungewöhnlich. Dass Elisabeth ihrem Mann und Marie Valerie den neuen Körperschmuck zeigte und beide entsetzt reagierten, passt ins Bild.

Der Anker hatte allerdings noch eine zweite Bedeutung. Im 19. Jahrhundert konnte er auch für Tod und letzte Verankerung stehen. Zusammen mit Elisabeths Gewohnheit, sich in ihren späten Jahren schwarz zu kleiden, ergibt sich daraus nicht nur ein dekoratives Motiv, sondern auch ein Symbol für ihren seelischen Zustand. Die Peri ist damit keine bloße Fee, sondern eine Verdichtung aus Selbstentwurf und Melancholie.

Fast komisch präzise wird die Sache am Ende durch ihre Funktion im Raum. Die Statue lässt sich drehen. Sie steht im Vorraum zum Speisesaal, in dem offizielle Empfänge stattfanden; sogar der Zar von Russland war hier zu Gast. Je nach Anlass konnte Peri so ausgerichtet werden, dass sie in den Speisesaal blickte. Das ist ein gutes Bild für die Hermesvilla insgesamt: ein privater Rückzugsort, der doch immer wieder Bühne war. Und mitten in dieser Bühne eine Figur, in der Elisabeth sich selbst erkannte.

Die Statue der Lichtfee Peri ist in der Hermesvilla im Lainzer Tiergarten in Wien zu sehen. Die Hermesvilla gehört zum Wien Museum.

Shownotes

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