Bestattungsmuseum Wien: Den Tod verstehen

Der Tod ist ein Thema, das im Alltag erstaunlich schlecht erklärt wird. Erwachsene umkreisen ihn mit Floskeln, Kinder bekommen halbe Antworten, und selbst bei ganz praktischen Fragen beginnt schnell das Stottern. Genau an dieser Stelle wird das Wiener Bestattungsmuseum interessant: nicht (nur) als Kuriositätenkabinett des Morbiden, sondern als Ort, an dem die Dinge einmal geradeheraus gesagt werden.

Das Haus lässt sich leicht über Wien-Klischees erzählen – Schmäh, Friedhofsromantik, dekorativer Makaberwitz. Material dafür gäbe es genug. Etwa den berühmten Klappsarg, einen Holzsarg mit Mechanik an der Unterseite, dessen Bretter sich öffnen, damit der Leichnam direkt ins Grab fällt. Tatsächlich verweist das Objekt auf die Reformen Josephs II., der Begräbnisse rationalisieren wollte. Selbst die letzte Hülle des Menschen war und ist eine Frage von Verwaltung und Ressourcen.

Das Bestattungsmuseum lebt von solchen Gegenständen, erschöpft sich aber nicht in ihnen. Neben dem Klappsarg taucht dort auch ein Herzstichmesser auf – ein Instrument aus einer Zeit, in der die Angst vor dem Scheintod weit verbreitet war. Man konnte es eigens „dazubuchen“, um sicherzugehen, dass wirklich niemand lebendig begraben wurde.

Entscheidend ist die Perspektive, aus der im Museum über den Tod gesprochen wird. Sie stammt nicht aus sicherer Distanz, sondern das Museum steht ja auf einem Friedhof. Also mitten in der Praxis, wenn man so will. Deswegen greifen Aufklärung und Alltagsfragen ineinander:  Sind in einer Urne wirklich nur die Aschereste eines Menschen? Was passiert mit persönlichen Gegenständen bei der Kremation? Warum sieht man davon nichts mehr? Das sind die Fragen die dort beantwortet werden.

Überraschend ist deshalb weniger, dass Besucherinnen und Besucher aus Neugier kommen, als wer sonst noch auftaucht: Pflegekräfte, Polizei, Firmenausflüge, private Gruppen – und auch Kindergruppen. Nicht aus Sensationslust, sondern weil ein Todesfall plötzlich erklärbar werden muss. Das verschiebt den Blick auf die Institution. Das Bestattungsmuseum erscheint dann weniger als wienerische Besonderheit, sondern als eine Art kulturelle Anlaufstelle für Fragen, die im normalen Bildungssystem kaum Platz haben.

Zum Reiz des Hauses gehört auch ein trockener, oft schwarzer Humor. Weil wir sind dann eben doch in Wien. Hier bewegt sich der Tod zwischen Verwaltung, Ritual und Kabarett. Wenn Besucherinnen und Besucher bei Veranstaltungen in einen Sarg steigen und sich wünschen, dass der Deckel geschlossen und das Ganze ein Stück getragen wird, dann sollte das nicht überraschen.

Gerade darin liegt der eigentliche Gedanke dieses Museums: Es entdramatisiert den Tod nicht, aber es entmystifiziert seine Abläufe. Das ist ein Unterschied. Wer über Gärgase spricht, die Sargdeckel sprengen können, über Kremationsprozesse oder über Kleidung im Sarg, macht den Tod nicht kleiner. Er nimmt ihm jene diffuse Unschärfe, aus der falsche Vorstellungen, peinliches Schweigen und Gruselfantasien entstehen.

Vielleicht ist das die eigentliche kulturelle Leistung eines solchen Ortes: Er behandelt Bestattung nicht als letzten sakralen Nebel, sondern als historisch gewachsene Praxis, in der sich Religion, Hygiene, Bürokratie, Aberglaube und Familienpsychologie kreuzen. Dass dabei gelacht wird, ist kein Stilbruch. Es ist oft die vernünftigste Reaktion auf einen Umstand, der ernst genug bleibt, weil er uns alle irgendwann umbringt.

Das Bestattungsmuseum befindet sich am Wiener Zentralfriedhof. Informationen zum Museum gibt es bei der Bestattung Wien.

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