Die Stricknadel als Abtreibungsinstrument

Eine Stricknadel in einer Küchenschublade wirkt harmlos. Neben Besteck, Suppenschöpfer und anderem Kleinzeug verschwindet sie fast im Inventar des Alltags. Gerade das macht sie im Museum für Verhütung und Schwangerschaftsabbruch in Wien so verstörend: Sie steht nicht für Handarbeit, sondern für eine Notlösung. Für einen Eingriff, über den nicht gesprochen wurde, der aber über Jahrzehnte zum verborgenen Wissen vieler Frauen gehörte.

Christian Fiala, Facharzt für Frauenheilkunde und Geburtshilfe und Mitgründer des Museums, beschreibt diesen Gegenstand nicht als Kuriosität, sondern als Spur eines Systems. Wenn Schwangerschaftsabbruch verboten ist, verschwindet er nicht. Er verlagert sich an Orte, die gerade noch verfügbar sind: an den Küchentisch, weil es dort Wasser gibt, eine abwischbare Fläche und ein Mindestmaß an Sauberkeit. Nicht, weil die Küche geeignet gewesen wäre, sondern weil die Illegalität nichts Besseres bereithielt.

Diese Verschiebung ins Private ist vielleicht der härteste Punkt der Erzählung. Der Küchentisch ist in der bürgerlichen Bildwelt ein Ort des Essens, Nähens, Rechnungenzahlens, Familienlebens. Hier wird er zum improvisierten Operationsplatz. Fiala verweist auf einen Kurier-Artikel von 1973, zwei Jahre vor der Legalisierung des Schwangerschaftsabbruchs in Österreich: „Mädchen starb am Küchentisch“. Schon in dieser Schlagzeile steckt die ganze Kälte der Verhältnisse. Der Tod erscheint nicht als politisches Versagen, sondern als Chronikmeldung.

Fiala erklärt, wie Abbrüche unter diesen Bedingungen oft durchgeführt wurden: spät, häufig erst im vierten oder fünften Monat, weil viele Frauen hofften, die Schwangerschaft möge noch „vorbeigehen“, wie er sagt. Gehandelt wurde oft erst, wenn der Bauch sichtbar wurde und die Fragen aus der Umgebung begannen. Technisch zielte die Methode mit der Stricknadel darauf, die Fruchtblase zu eröffnen. Der medizinische Vorgang ist einfach zu beschreiben und gerade deshalb schwer zu hören: Fruchtwasser geht ab, Wehen setzen ein, die Schwangerschaft ist nicht mehr zu halten.

Entscheidend ist aber nicht die technische Möglichkeit, sondern das Risiko. Fiala macht die Gefahr anschaulich. Wer mit einem spitzen Gegenstand ohne Sicht, ohne sterile Umgebung und oft ohne anatomisches Wissen in die Gebärmutter eindringt, kann in Sekunden ein Blutgefäß verletzen oder den Darm durchstoßen. Er nennt Gefäße, die so groß seien wie der kleine Finger. Trifft man sie, bleiben unter Umständen nur Minuten. Wird der Darm verletzt, droht eine Blutvergiftung, gegen die selbst moderne Medizin nicht immer ankommt. Die Stricknadel ist also nicht bloß Symbol einer verbotenen Praxis; sie ist ein Werkzeug, an dem sich die Brutalität des Verbots konkret ablesen lässt.

Er erzählt auch von einer überlieferten Fallgeschichte aus Wien, in der eine Frau mit Gebärmuttersenkung sich eine ausgekochte Stricknadel selbst „ganz gefühlvoll“ in den Muttermund einführte und auf diese Weise wiederholt Abbrüche vorgenommen hatte. Der Satz bleibt hängen, weil er so unerquicklich präzise ist. Er zeigt die ganze Perversion der Lage: Frauen mussten nicht nur Angst aushalten, sondern sich anatomisches Erfahrungswissen aneignen, das in einer funktionierenden Gesundheitsversorgung nie nötig gewesen wäre.

Das Museum weitet den Blick über Österreich hinaus. Fiala erwähnt aufgebogene Metallkleiderbügel in den USA und gerade Plastikstäbe oder Äste des Cassava-Strauchs in afrikanischen Ländern, in denen Abbrüche ebenfalls verboten sind. Die Gegenstände wechseln, das Muster bleibt. Wo Recht, Medizin und soziale Realität auseinanderfallen, wird jeder halbwegs brauchbare Alltagsgegenstand zum potenziellen Instrument. Die Improvisation ist kein Zeichen von Freiheit, sondern von Mangel.

Bemerkenswert ist, wie Fiala das eigene Haus versteht. Das Museum für Verhütung und Schwangerschaftsabbruch dokumentiert nicht nur Methoden und Objekte, sondern auch, wie Menschen gelernt haben, Fruchtbarkeit zu steuern. Er nennt das eine „Zähmung der Fruchtbarkeit“ und vergleicht sie mit der Zähmung des Feuers. Der große Satz wäre leicht pathetisch zu haben; im Kontext der Küchenschublade bekommt er ein handfestes Gewicht. Denn Fortschritt zeigt sich hier nicht als abstrakte Idee, sondern daran, ob ein medizinischer Eingriff unter sicheren Bedingungen stattfindet oder auf einem schmuddeligen Tisch zwischen Gabeln und Strickzeug.

Unter der Oberfläche geht es deshalb um mehr als um Abtreibungsmethoden der Vergangenheit. Es geht um die Frage, was eine Gesellschaft bereit ist zu sehen. Solange der Schwangerschaftsabbruch kriminalisiert wird, erscheint er nicht im Licht der Versorgung, sondern im Schatten der Improvisation. Dann liegt die Gewalt nicht nur im Gesetz, sondern in den Räumen, Gegenständen und Körpern, die das Verbot in Anspruch nimmt.

Das Museum für Verhütung und Schwangerschaftsabbruch (MUVS) in Wien ist online unter muvs.org zu finden.

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