Jacob Jordaens’ „Fest des Bohnenkönigs“

Ein rauschendes Fest, ein frisch gekrönter König, reichlich Wein und eine Gesellschaft, die sich ihrem Vergnügen hingibt: Jacob Jordaens’ Gemälde „Fest des Bohnenkönigs“ zeigt auf den ersten Blick nichts Geringeres als die Lust am geselligen Ausnahmezustand. Auf den zweiten Blick ist das Bild sehr viel raffinierter. Rotraut Krall, die durch das Werk in der Gemäldegalerie des Kunsthistorischen Museums Wien führt, macht deutlich, wie präzise Jordaens hier Feierlaune, soziale Rollen und moralische Warnzeichen miteinander verschränkt.

Jordaens, der in Antwerpen arbeitete, gehörte zu den prägenden Malern des 17. Jahrhunderts in Flandern. Nach dem Tod von Peter Paul Rubens im Jahr 1640 und Anthonis van Dyck im Jahr 1641 gewann er weiter an Bedeutung. Dass er sich nicht nur religiösen, mythologischen oder repräsentativen Themen widmete, sondern auch Gesellschaftsszenen mit großem erzählerischem Reichtum schuf, zeigt sich in diesem Bild besonders deutlich. Die Wiener Fassung des „Festes des Bohnenkönigs“ datiert im Kunsthistorischen Museum auf um 1640/1645.

Der Anlass ist ein flämischer Volksbrauch rund um den Dreikönigstag. In einem Kuchen wurde eine Bohne eingebacken; wer sie fand, wurde zum König des Festes und wählte die schönste Frau zur Königin. Die übrigen Anwesenden übernahmen „Hofämter“. Genau diese Mischung aus Spiel, Rollentausch und sozialem Kommentar macht das Gemälde so reizvoll: Die Festgesellschaft inszeniert für einen Tag eine höfische Ordnung im privaten Innenraum.

Der Bohnenkönig sitzt gut sichtbar im Vordergrund. Auf dem Kopf trägt er eine Krone; in der Hand hält er ein Trinkgefäß. Alles deutet auf Status, auch wenn dieser Status nur geliehen und auf einen Tag begrenzt ist. Gerade darin liegt ein Teil des Witzes: Feier und Übermut werden hier nicht als bloß chaotischer Kontrollverlust gezeigt, sondern als ritualisiertes Spiel mit Rangordnungen.

Gleichzeitig ist die Szene längst an einem Punkt angekommen, an dem die Ordnung zu kippen beginnt. Die Menschen sitzen dicht gedrängt, heben die Arme, lachen, rufen und trinken. Das entspricht auch dem geläufigen Titelmotiv „Der König trinkt“, unter dem Jordaens ähnliche Fassungen des Themas schuf. Man ahnt sofort: Ein solcher Brauch trägt den Kontrollverlust bereits im Kern.

Genau hier setzt die zweite Ebene des Gemäldes ein. Jordaens malt nicht einfach ein fröhliches Fest, sondern ein barockes Sittenbild. In den südlichen Niederlanden gehörte es zur Bildkultur der Zeit, Szenen des Alltags mit moralischen Hinweisen aufzuladen. Das Vergnügen wird gezeigt, aber nicht ohne Distanz. Auf der Kartusche im Hintergrund steht die lateinische Inschrift „NIL. SIMILIVS. INSANO. QVAM. EBRIVS.“, also sinngemäß: Niemand ist dem Narren ähnlicher als ein Betrunkener.

Damit wird die ausgelassene Runde endgültig in ein Spannungsfeld gesetzt. Das Bild genießt die Fülle seiner Stoffe, Gesichter und Gesten, und zugleich versieht es diese Fülle mit einem moralisierenden Unterton. Es feiert und warnt in einem Atemzug.

Gerade deshalb ist „Fest des Bohnenkönigs“ mehr als ein hübsches Genrebild aus Antwerpen. Es zeigt, wie sehr barocke Malerei Vergnügen als kulturelle Form ernst nimmt: als Ritual, als gesellschaftliches Theater und als Probe aufs Maßhalten. Rotraut Krall liest das Gemälde als Werk, das Ausgelassenheit und moralische Reflexion zugleich ins Bild setzt.

Zu sehen ist Jacob Jordaens’ „Fest des Bohnenkönigs“ im Kunsthistorischen Museum Wien, Gemäldegalerie, Saal XV.

Shownotes

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