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April 6, 2021
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Wien Museum

Die Hexe von Teresa Feodorowna Ries im Wien Museum: ein Marmorskandal von 1896

Mitten in der Dauerausstellung des Wien Museums schneidet sich eine nackte Marmorfrau die Zehennägel. Die Hexe der Bildhauerin Teresa Feodorowna Ries sorgte 1896 im Wiener Künstlerhaus für einen Skandal.

Die Hexe von Teresa Feodorowna Ries im Wien Museum: ein Marmorskandal von 1896
Foto: Birgit und Peter Kainz, Wien Museum

Die rechte Hand fehlt. Auf Fotos aus den 1920er Jahren ist sie noch da, und sie hält eine große Schere, mit der sich die Frau aus Marmor die krallenartigen Fußnägel schneidet. Sie sitzt auf einem Felsen, beugt sich vor, trägt langes wirres Haar und ein Grinsen, das man höhnisch nennen kann. Und sie ist nackt.

Ursula Storch, Kuratorin am Wien Museum und zuständig für die bildende Kunst in Wien um 1900, kennt die Geschichte dieser Skulptur von 1895: „Hexe bei der Toilette für die Walpurgisnacht“ von Teresa Feodorowna Ries.

Ries wuchs in Moskau auf, heiratete sehr jung, verlor ein Kind, ließ sich scheiden und kam über die Malerei zur Kunst. An der Moskauer Akademie verlangte man von Bewerberinnen fertige Bilder; laut ihrer Autobiografie von 1928 nahm sie kurzerhand ein Bild aus dem Familienbesitz, das sie nicht gemalt hatte, gab es als ihres aus und wurde aufgenommen. Später wechselte sie zur Bildhauerei und wurde wegen Insubordination gegenüber den Professoren der Akademie verwiesen. Auf einer Reise mit den Eltern beschloss sie, in Wien zu bleiben.

Dort war die Lage kaum besser. Die Akademie der bildenden Künste nahm bis 1920 keine Frauen auf. In der Kunstgewerbeschule waren sie zugelassen, durften aber weder am Anatomie- noch am Aktunterricht teilnehmen, was sie faktisch auf Tiere, Blumen und Ornamente beschränkte. Ries fand einen anderen Weg: Der Bildhauer Edmund Hellmer, Professor an der Akademie, unterrichtete sie privat und stellte ihr sein Atelier zur Verfügung.

Ein Besen im Atelier

Die üblichen Kopien nach antiken Vorbildern langweilten sie bald. Hellmer meinte, sie könne sich auch selbst etwas ausdenken. Kurz darauf stolperte sie im Atelier über einen herumliegenden Besen und verband ihn mit den schönen Gliedmaßen der klassischen Skulpturen, die sie gerade bewundert hatte. Modell saß ihr das Akademiemodell Anna Faust.

1896 stellte sie die Figur im Künstlerhaus aus. Der Skandal war beträchtlich, nicht nur wegen der nackten Frau bei einer alltäglichen Verrichtung, sondern weil eine junge Bildhauerin sie geschaffen hatte. Ihre Porträtbüsten in derselben Ausstellung gingen daneben unter, bekannt aber war sie über Nacht. 1901 durfte sie in der Secession ausstellen, die Frauen nicht als ordentliche Mitglieder aufnahm, und gründete mit Olga Wisinger-Florian, Marie Egner und Susanne Granitsch die Gruppe „Acht Künstlerinnen“.

1942 musste Ries als Jüdin aus Wien fliehen und ließ ihr Werk zurück. Ihr Atelier wurde im Jahr darauf geräumt und die Figuren einem Steinmetz überlassen, der den Marmor weiterverwenden sollte und sie in seiner Werkstatt am Rennweg abstellte. Damals dürften die Beschädigungen entstanden sein: die Hand mit der Schere, Zehen, eine Verletzung im Gesicht. Nach dem Krieg fragte Ries bei der österreichischen Regierung nach; über die Stadt Wien und das Historische Museum wurden die Skulpturen gefunden. Aus Dank schenkte sie sie der Stadt. Ries starb 1956 in Lugano.

1974 stand die Hexe bei der Wiener Internationalen Gartenschau in einem Skulpturengarten im Freien. Dort wurde sie mit roter Farbe besprüht und sofort abgeholt.

„Es ist bezeichnend, dass so eine Figur 80 Jahre nach ihrem Entstehen immer noch für Aufruhr und Unbehagen sorgt.“

Was heute in der Dauerausstellung des Wien Museums steht, ist deshalb zweierlei: das Werk einer Bildhauerin, die sich jeden Schritt erkämpfen musste – und ein Protokoll dessen, was man diesem Werk angetan hat.