Objekte
January 28, 2022
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Wien Museum

„Die Ostmark“ von Wilhelm Frass: eine zersägte NS-Skulptur im Wien Museum MUSA

Drei Meter hoch, in drei Teile zersägt, in Transportkisten gezeigt: Kunsthistorikerin Sabine Plakolm-Forsthuber über die Gipsskulptur „Die Ostmark“ im Wien Museum MUSA.

„Die Ostmark“ von Wilhelm Frass: eine zersägte NS-Skulptur im Wien Museum MUSA
Plakat zur Ausstellung „Auf Linie. NS-Kunstpolitik in Wien“: Wilhelm Frass, Die Ostmark (der Künstler bei der Arbeit), 1939, Foto: Julius Scherb, Stadtmuseum St. Pölten, Grafik: Christoph Schörkhuber, © Wien Museum

Drei Meter hoch war diese Figur einmal. Jetzt liegt sie in Teilen: der Oberkörper eines nackten Mannes, daneben ein monumentaler Adler, beides aus Gips, beides in Transportkisten. Wer im Wien Museum MUSA vor „Die Ostmark“ von Wilhelm Frass steht, sieht kein Denkmal, sondern dessen Bruchstücke – so ist es gemeint.

Sabine Plakolm-Forsthuber, Kunsthistorikerin und eine der Kuratorinnen der Ausstellung „Auf Linie. NS-Kunstpolitik in Wien“, hat das Objekt ausgewählt, das auch das Ausstellungsplakat ziert. Zerlegt wurde die Skulptur nicht für die Schau: Im Stadtmuseum St. Pölten hatte man die Figur unter dem Rumpf abgeschnitten, in drei Teile, vermutlich aus Transport- oder Lagergründen. Zusammensetzen hätte man sie können, sagt Plakolm-Forsthuber. Man hat es nicht getan.

Die Figur folgt dem Formenrepertoire der NS-Zeit: ein männlicher Akt nordischen Typus, aufrecht, leicht zur Seite gewandt, alle Muskeln angespannt, ein sonderbares Tuch um sich gehalten, als stemme er sich gegen einen Sturm. Vom Sturmwind merkt der Adler zu seinen Füßen nichts. Er sitzt ganz ruhig da.

Entstanden ist die Figur 1939 und war rasch prominent zu sehen: im selben Jahr in der Ausstellung „Berge und Menschen der Ostmark“ im Wiener Künstlerhaus, 1940 auf der Großen Deutschen Kunstausstellung in München, 1941 noch einmal im Künstlerhaus. Ein Jahr nach ihrer Entstehung wurde sie als Geschenk für Gauleiter Josef Bürckel ausgewählt: in Bronze gegossen, aufgestellt auf dem Wiener Platz in Saarbrücken, wo Bürckel ab 1940 als Gauleiter der „Westmark“ amtierte. Ausgeführt wurde nichts davon. Im Krieg gab es kein Metall mehr, die Bronze ging in die Metallspenden. Übrig blieb der Gips.

Frass, 1886 in St. Pölten geboren, hatte die Akademie der bildenden Künste noch vor dem Ersten Weltkrieg absolviert und in den 1920er-Jahren vor allem in Nieder- und Oberösterreich Denkmäler geschaffen. Seine Kontakte zum Nationalsozialismus reichen in die frühen 1930er-Jahre zurück: Er blieb auch nach dem Parteiverbot von 1933 in der NSDAP und zählt zu den illegalen Nationalsozialisten. In der NS-Zeit war er Referent für Skulptur im Kulturamt der Stadt Wien, zuständig für Denkmalwettbewerbe und für die sogenannte „Entschandelung“: Denkmäler jüdischer Künstler und sozialdemokratischer Persönlichkeiten wurden entfernt und eingeschmolzen.

Wie weit das ging, zeigte sich spät. 1934 und 1935 schuf Frass das Denkmal des unbekannten Soldaten in der Krypta am Wiener Heldenplatz, jahrzehntelang Ort von Kranzniederlegungen. Unter der Skulptur hatte er in einer Metallhülse eine Botschaft versteckt, in der er auf die Wiedervereinigung mit dem Deutschen Reich hoffte. Gehoben wurde sie 2012. Seither, sagt Plakolm-Forsthuber, finden dort keine Gedenkveranstaltungen mehr statt.

So bleibt „Die Ostmark“ ein Torso in doppeltem Sinn: ein Denkmal, das nie eines wurde, und ein Werk, das erst zerlegt preisgibt, wofür es gemacht war. Dass es in der Kiste bleibt, ist keine Verlegenheit, sondern eine Entscheidung darüber, wie man Kunst zeigt, die nie nur Kunst war.