Ein Fetzen Papyrus, kaum größer als eine Handfläche, beschrieben in griechischer Sprache: eine Rechtsurkunde, wie sie die Wiener Papyrussammlung zu Zehntausenden besitzt. Ein Bauer bürgt darin für einen anderen, der aus dem Gefängnis entlassen werden soll – flieht der Mann, haftet der Bürge. Verwaltungsalltag, unauffällig bis in die Formeln. Bemerkenswert ist an diesem Blatt nur eines: das Datum.
Bernhard Palme, Direktor der Papyrussammlung und des Papyrusmuseums der Österreichischen Nationalbibliothek, hat das Stück aus dem Magazin geholt, für die jährliche Sonderschau, die jene Objekte zeigt, die sonst niemand zu sehen bekommt. Papyri seien großartige Quellen für Alltags- und Rechtsgeschichte, sagt er, historische Ereignisse kämen darin fast nie vor.
„Es passiert selten, dass die Weltgeschichte an die Türe des Papyrologen klopft.“
Hier klopft sie, durch eine Formalität. Wie jede Rechtsurkunde trägt der Text ein genaues Tagesdatum, und datiert wird nach dem regierenden Kaiser: 8. Jänner 610 n. Chr., im Jahr des Phokas. Damals aber tobte längst der Bürgerkrieg zwischen Phokas und dem aufständischen Herakleios. Die Revolte hatte in Karthago begonnen und rasch auf Ägypten übergegriffen, die Aufständischen hielten Alexandria. Die griechischen Chronisten schildern das als schnellen Erfolg, auch die dort geprägten Münzen legen nahe, dass die Münzstätte schon 608 in ihrer Hand war. Ausgestellt wurde die Bürgschaft fast zwei Jahre später – nicht in Alexandria, sondern im mittelägyptischen Fayyum. Und dort galt weiterhin der alte Kaiser.

Wer nachlesen will, wie es wirklich ablief, landet bei einem Autor, dem die Forschung lange wenig geglaubt hat: Johannes von Nikiu, koptischer Bischof aus einer Stadt im Nildelta, der zwei Generationen nach den Ereignissen schrieb. Bei ihm erobern die Aufständischen zwar Alexandria, doch aus Palästina rückt der kaisertreue General Bonosus an und wirft sie aus einer Stadt nach der anderen wieder hinaus, bis sie in Alexandria belagert werden. Erst nach Monaten gelingt der Ausbruch, Bonosus wird geschlagen, und erst im Lauf des Jahres 610 fällt Ägypten an Herakleios. Genau dazu passt das Datum aus dem Fayyum.
An Ägypten hing mehr als eine Provinz. Wer Alexandria kontrollierte, kontrollierte die Getreideflotte, die Konstantinopel versorgte, und in der überfüllten Hauptstadt genügte oft schon das Gerücht einer verspäteten Lieferung für Hungerrevolten. Erst von dieser gesicherten Basis aus segelte Herakleios gegen die Hauptstadt. Am 5. Oktober 610 erschien seine Flotte vor Konstantinopel, nach einem kurzen Scharmützel wurde Phokas hingerichtet.
Die entscheidende Schlacht vor den Toren Alexandrias fand demnach nicht 608 oder 609 statt, sondern mindestens eineinhalb Jahre später als angenommen. Die späteren griechischen Historiker haben die Geschichte, wie Palme es nennt, „ein bisschen geglättet“: Aus einem zähen, lange unentschiedenen Bürgerkrieg wurde der rasche Siegeszug eines legitimen Herrschers. Dass Sieger ihre Version rundschleifen, ist keine Erfindung der Gegenwart. Widerlegt wird sie diesmal von einem Formular, das niemand für die Nachwelt geschrieben hat.
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