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May 4, 2022
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Papyrusmuseum

Fast 140 Tonnen Pfeffer aus Indien: der Muziris-Papyrus im Papyrusmuseum

Ein Vertrag auf Papyrus listet Pfeffer, Elfenbein und eine Himalaya-Pflanze im Wert von sieben Millionen Sesterzen. Bernhard Palme zeigt im Papyrusmuseum, wie der Indienhandel Roms funktionierte.

Fast 140 Tonnen Pfeffer aus Indien: der Muziris-Papyrus im Papyrusmuseum
Muziris-Papyrus (P.Vindob. G 40822), Österreichische Nationalbibliothek · Public Domain, via Wikimedia Commons

Fast 140 Tonnen Pfeffer, 167 vollständige Elefantenstoßzähne, dazu eine Pflanze, die im Himalaya-Gebiet wächst: Was ein Schiff im 2. Jahrhundert nach Christus aus Indien an das Rote Meer brachte, lässt sich Posten für Posten nachlesen. Die Liste steht auf einem Papyrusfragment in der Papyrussammlung der Österreichischen Nationalbibliothek, einer der größten Sammlungen antiker Schriftstücke weltweit.

Bernhard Palme, Professor für Alte Geschichte und Papyrologie an der Universität Wien und Direktor der Papyrussammlung und des Papyrusmuseums, nennt den Text singulär. Erhalten sind große Teile eines Vertrags, dessen Hintergrund eine Handelsreise nach Muziris im Süden Indiens ist, geschrieben mitten in der römischen Kaiserzeit, als das Reich auf der Höhe seiner Macht stand. Zwei Dinge hält er so genau fest wie kein anderer Text: die Route samt ihren Bedingungen und die Waren samt ihrem Wert.

Der erste Teil beschreibt den Weg vom Hafen Myos Hormos am Roten Meer nach Alexandria. Die Ladung wird von Hand gelöscht und auf Esel- und Kamelrücken umgeladen, dann geht es durch die östliche Wüste – gefährlich, weil es kaum Wasserstellen gab und weil die transportierten Werte Wüstenräuber anzogen. Der Vertrag verlangt deshalb verlässliche Kamel- und Eseltreiber und eine Bewachung bis ins Niltal. Tatsächlich sicherte das römische Militär die Strecke mit einzelnen Posten, wie Texte auf Tonscherben belegen. In Koptos kommen die Waren in ein Zollverwahrlager und werden ein erstes Mal aufgenommen, danach geht es mit einem Nilschiff stromabwärts nach Alexandria, wo sie ein zweites Mal geprüft und besteuert werden. Rund ein Viertel des Warenwerts dürfte fällig geworden sein.

„Da hat also der römische Kaiser noch einmal kräftig mitgeschnitten.“

Erst nach Bezahlung der Zölle gab der Staat die Fracht zum Verkauf frei. Der zweite Teil des Papyrus ist die Warenliste. Der größte Posten ist der Pfeffer, bis in die frühe Neuzeit das begehrteste Produkt aus Indien und zugleich ein heikles: Wird er auf See nass, verliert er seine Würzkraft und damit seinen Wert. Dazu kommen 3,3 Tonnen Elfenbein in ganzen Stoßzähnen und etwa eine halbe Tonne beschädigte, außerdem 37,8 Tonnen eines Produkts, dessen Name auf dem verlorenen Teil des Blattes stand, und die gangetische Narde, in der indischen wie in der griechisch-römischen Medizin und Kosmetik geschätzt. Der Anlaufhafen Muziris ist archäologisch gut erforscht: eine Lagunen- und Hafenstadt, überspitzt gesagt das antike indische Venedig.

Am meisten sagt die Endsumme. Sieben Millionen Sesterzen war diese eine Ladung wert. Ein Legionär verdiente zur selben Zeit etwa 1200 Sesterzen im Jahr, mit der Fracht eines einzigen Schiffes hätte sich also eine ganze Armee für mindestens ein Jahr bezahlen lassen. Damit wird verständlich, warum Rom die Wüstenstrecke so aufwendig bewachen ließ: Unterwegs waren, in heutigen Begriffen, Milliardenwerte. Geblieben ist ein Bruchstück – genug, um zu zeigen, dass eine über Kontinente hinweg rechnende Welt keine Erfindung der Gegenwart ist.