Reportage
May 12, 2026
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Papyrusmuseum

Altpapier aus 3.000 Jahren: Ein Rundgang durch das Papyrusmuseum

Der Kernbestand des Papyrusmuseums stammt aus einer antiken Mülldeponie in Ägypten. Direktor Bernhard Palme führt durch ein Haus voller Quittungen, Klatsch unter Soldaten und dem Zornesbrief einer betrogenen Ehefrau.

Altpapier aus 3.000 Jahren: Ein Rundgang durch das Papyrusmuseum
PERF 558, Quittung über 65 Schafe (643 n. Chr.), Papyrussammlung der Österreichischen Nationalbibliothek · Public Domain, via Wikimedia Commons

Der Weg ins Papyrusmuseum führt hinunter. Vom Heldenplatz in die Neue Burg, dann eine Stiege in den Keller. Wir stehen vor Vitrinen, sparsam ausgeleuchtet, und darin liegen kleine braune Fetzen: vergilbt, zerrissen, manche kaum größer als ein Daumennagel, auf einigen stehen zwei, drei Buchstaben. Es sieht aus wie Müll. Es war auch Müll.

Der Kernbestand dieser Sammlung stammt aus einer antiken Abfalldeponie. Im Fayyum, einer Halboase rund 80 bis 100 Kilometer südlich von Kairo, gruben Bauern im 19. Jahrhundert dort, wo die Wüste beginnt, nach fruchtbarer Erde für ihre Felder: in den Müllhaufen antiker Siedlungen, so wie sie es vermutlich seit Jahrhunderten taten. Bei einem dieser Aushübe war der Wiener Teppichhändler Theodor Graf zufällig anwesend, als die Arbeiter offenbar eine Altpapierdeponie anschnitten. Er kaufte die beschriebenen Schnipsel und ließ sie nach Wien schicken, wo der Orientalist Josef von Karabacek erkannte, was da vor ihm lag. 1883 erwarb Erzherzog Rainer den gesamten bis dahin eingetroffenen Bestand, 1899 schenkte er ihn Kaiser Franz Joseph. Heute gehört die Sammlung der Österreichischen Nationalbibliothek, und Wien besitzt die größte öffentlich zugängliche Papyrussammlung der Welt: rund 180.000 Objekte aus etwa 3.000 Jahren.

Eine Quittung über 65 Schafe

Bernhard Palme, Direktor der Papyrussammlung und des Papyrusmuseums und Professor für Papyrologie an der Universität Wien, führt durch das Haus. Wer hier Herrschergeschichten erwartet, wird enttäuscht. Was in einer Mülldeponie landet, sind Rezepte, Hausaufgaben, Einkaufslisten, Verträge, Rechnungen: der Alltag also, dasselbe, was man fände, wenn man heute unseren Hausmüll durchwühlt.

Ein Beispiel steht gleich in einer der ersten Vitrinen: eine Quittung über 65 Schafe, ausgestellt am 25. April 643. Ein arabischer Offizier bestätigt darin zwei Verwaltern mit griechischen Namen die Lieferung, eine Steuerleistung an die arabische Armee, ein halbes Jahr nach der Eroberung. Bemerkenswert findet Palme die Politik dahinter. Die Armee zählte fünf- bis sechstausend Mann, die Bevölkerung ein Vielfaches davon, und die Militärverwaltung war bemüht, Konflikte gar nicht erst entstehen zu lassen. Also übernahm sie das römische System, in dem die Verpflegung der Truppe Teil der regulären Steuer war. „Das Einzige, was sich da geändert hat: In der römischen Zeit hat man Schweinefleisch gegessen, hier werden Schafe abgeliefert.“ Und weil es eine Quittung ist, trägt sie ein tagesgenaues Datum.

Klatsch, Zorn und 600 Briefe von Frauen

Ein paar Schritte weiter wird es privat. Ein Soldat warnt einen Kameraden, dass hinter dessen Rücken schlecht über ihn geredet wird: „Ich kann es nicht vermeiden, dir zu schreiben, dass du kräftig angeschwärzt wirst. Deshalb, mein Kamerad, gib dir Mühe, dich bei ihnen zu rechtfertigen.“ Wie die Sache ausging, weiß niemand, dafür bräuchte es weitere Schriftstücke.

Das eindrücklichste Stück ist der Brief der Safra an ihren untreuen Ehemann, arabisch, aus dem 12. Jahrhundert. Sie schreibt selbst, sie schreibt gut, und sie schreibt zornig. Bemerkenswert ist das doppelt: weil eine Frau hier mit großem Selbstbewusstsein auftritt, und weil Emotionen in den Papyri sonst fast vollständig unterdrückt sind. Liebesbriefe gibt es praktisch keine. Dokumente von Frauen dagegen schon, weit über 600 Privatbriefe stammen von ihnen. Unter der professionellen Schrift eines Pachtvertrags steht die eigenhändige Unterschrift der Aurelia Charite. Die offizielle Welt war männlich, und entsprechend einseitig bleibt der Blick, den diese Fragmente auf den Alltag erlauben.

Der weitaus größte Teil des Bestands ist bis heute nicht ausgewertet. Das Zusammensetzen ist mühsame Handarbeit, am ehesten gelingt sie, wenn sich mehrere Schriftstücke derselben Person finden und die Handschrift weiterhilft. Derzeit prüft die Sammlung, ob künstliche Intelligenz den Prozess beschleunigen kann. In einigen Jahren könnte das Museum also andere Geschichten erzählen als heute.

Genau darin liegt seine Eigenart: Die Objekte sprechen nicht von selbst. Man kann sie nicht lesen, man sieht immer dasselbe Material, und satt gesehen hat man sich schnell. Alles Interessante liegt in dem, was Papyrolog:innen daraus rekonstruiert haben. Deshalb lohnt eine Führung. Und deshalb begeistern sich hier auch Zehnjährige für Papier.

„Seitdem ich im Papyrusmuseum war, achte ich ganz anders auf meine Quittungen.“

Der Satz stammt von unserer Reporterin Sandra und beschreibt ganz gut, was dieser Rundgang auslöst. Wer eine handschriftliche Bestätigung über 65 Schafe hinter Glas gesehen hat, denkt beim nächsten Kassenbon unweigerlich an jemanden, der in tausend Jahren Hafermilch und Brot darauf entziffert.

Diese Reportage entstand im Rahmen einer bezahlten Kooperation mit der Österreichischen Nationalbibliothek – bei voller redaktioneller Unabhängigkeit.