Das schwarze Tuch an der Wand wiegt hundert Kilogramm, das goldschwarze daneben, mit echten Goldfäden bestickt, zwanzig mehr. Bahrtücher heißen sie, und ihr Gewicht hatte einen praktischen Grund. Särge waren lange nicht mehr als ein paar zusammengenagelte Bretter, die Verwesung ließ sich nicht aufhalten, und beim Zersetzen entstehen Gärgase. Erich Traxler, Mitarbeiter im Bestattungsmuseum Wien, vergleicht das mit einer geschüttelten Sektflasche: Im besten Fall hob der Druck den Deckel nur an. Deshalb legte man die schweren Tücher über den Sarg und zurrte alles mit Lederriemen an der Tumba fest.
Das Museum liegt im Keller unter einer Aufbahrungshalle am Wiener Zentralfriedhof, auf 300 Quadratmetern zeigt es rund 250 Objekte. Betrieben wird es von der Bestattung Wien, jenem Unternehmen, das in der Stadt lange das Monopol auf Begräbnisse hatte. Das erklärt den ungewöhnlichen Zuschnitt: Hier stellt kein Haus fremde Geschichte aus, sondern ein Betrieb sein eigenes Arbeitswissen.
Entsprechend konkret sind die Objekte. Der Klappsarg etwa ist ein Holzsarg mit Hebeln an Kopf- und Fußende; betätigt man die Mechanik, öffnet sich eine Klappe an der Unterseite und der Leichnam fällt in die Grabstelle. Erfunden wurde er unter Josef II., dem Sohn Maria Theresias, der Begräbnisse billiger machen und Holz sparen wollte. Eine Zeit lang war er verpflichtend, für Arme wie für Reiche. Der Widerstand war groß, das Gesetz wurde wieder aufgehoben – und die Legende vom Armenbegräbnis Mozarts erklärt sich zu einem guten Teil daraus, dass sein Tod in genau diese kurze Frist fiel. Daneben liegt ein Herzstichmesser, aus einer Zeit, in der die Angst umging, lebendig begraben zu werden. Man konnte den Stich ins Herz eigens dazubuchen; möglich ist das bis heute.
Ein Ort für Fragen, die man sonst nicht stellt
Was das Haus von einem Kuriositätenkabinett unterscheidet, sind die Auskünfte, die es nebenbei gibt. In Österreich regeln neun Bundesländer die Bestattung unterschiedlich; überall gilt nur, dass Kremation und Beisetzung im Sarg stattfinden müssen und dass die verstorbene Person bekleidet sein muss. Bei welcher Temperatur kremiert wird, ob die Armbanduhr mitgeht, warum in der Asche nichts davon zu sehen ist, weil zweimal gemahlen wird, und wie ausgeschlossen bleibt, dass sich zwei Menschen vermischen: Cornelia Fassl, die Leiterin des Hauses, beantwortet solche Fragen in jeder Führung.
Wer fragt, ist dabei aufschlussreicher als das Gefragte. Neben privaten Gruppen und Firmenausflügen kommen Polizei und Pflegekräfte, um sich zu informieren. Und es kommen Kindergartengruppen.
Kindergärten kommen zu uns, wenn es in der Familie eines Kindes einen Todesfall gegeben hat. Nur so, just for fun, kommt eine Kindergarten- oder Schulgruppe nicht zu mir her.
Für diese Führungen hat sich das Haus mit einem Psychologenverband beraten, denn einem sechsjährigen Kind ist mit dem Satz, jemand liege jetzt im Sarg, nicht geholfen. Der Wiener Schmäh steht dem nicht im Weg, er ist Teil des Betriebs: Es gibt Begräbnisse aus Legofiguren zu kaufen, einen Eiskratzer mit dem Versprechen, dass man bei der Bestattung Wien besser abkratzt, ein T-Shirt mit dem Satz Ich lese, bis ich verwese, und einmal im Jahr, zur Langen Nacht der Museen, darf man im Sarg probeliegen. Fassl trennt das sauber: das Unternehmen pietätvoll, das Museum mit dem Augenzwinkern.
Das Ergebnis ist ein Haus, das den Tod nicht kleiner macht, aber seine Abläufe erklärbar. Genau darin liegt seine Leistung: Wo Gärgase, Verordnungen und Ofentemperaturen benannt werden, bleibt weniger Raum für jene diffuse Unschärfe, aus der Gruselfantasien und peinliches Schweigen entstehen.
IM MUSEUM

