Objekte
June 5, 2022
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Bestattungsmuseum Wien

Die Leichenstraßenbahn im Bestattungsmuseum Wien: 24 Särge zum Zentralfriedhof

Zwei schwarze Beiwagen, zwölf Türen, Platz für 24 Särge: Die Wiener Leichenstraßenbahn entstand aus der Not des Ersten Weltkriegs. An ihre stillen Fahrten erinnert heute ein Modell im Bestattungsmuseum Wien.

Die Leichenstraßenbahn im Bestattungsmuseum Wien: 24 Särge zum Zentralfriedhof
Bild: Urheber:in unbekannt

Unter der Halle 2 am Wiener Zentralfriedhof steht in einer Auslage das Modell einer Straßenbahn, die es so nicht mehr gibt. Daneben hängt ein Foto. Viel mehr ist von der Leichenstraßenbahn nicht geblieben: Im Archiv liegen nur noch Baupläne und dieses eine Bild.

Erich Traxler, Mitarbeiter des Bestattungsmuseums Wien, erklärt, wie das Modell entstand. In den 1970er-Jahren ließ ein Kollege es nach den erhaltenen Plänen anfertigen, damit wenigstens eine Vorstellung davon bleibt, wie die Garnitur ausgesehen hat. Vom Original selbst ist nichts mehr vorhanden, kein Wagen und kein Teil davon. Für Traxler zählt die Leichenstraßenbahn trotzdem zu den wirklich historischen Objekten der Stadt.

Aufgebaut war sie wie eine gewöhnliche Straßenbahn und doch anders: ein roter Triebwagen, wie er auch heute durch Wien fährt, dahinter zwei schwarze Beiwagen. Jeder Beiwagen hatte zwölf Türen an der Seite, eine je Sarg. Voll beladen brachte der Zug 24 Verstorbene zum Friedhof. Er fuhr als Sonderzug, und das Schienennetz war damals dichter verknüpft als heute: Man kam von einem Ende der Stadt ans andere, ohne umzusteigen. Gewöhnliche Fahrgäste nahm die Garnitur auf diesen Fahrten selbstverständlich nicht mit.

Zwischen 1918 und 1928 war die Garnitur im Einsatz. Der Anlass war eine Notlage. Pferde und Bestatter mussten in den Krieg, und die Stadt stand vor der Frage, wie die Toten überhaupt noch zum Zentralfriedhof kommen sollten. Eine Alternative gab es nicht: Ohne Zugtiere und ohne Personal blieb allein die Schiene. Also entschloss man sich, die Idee umzusetzen. Der Zug fuhr die großen Spitäler ab, bis die 24 Plätze belegt waren, und brachte seine Fracht an den Stadtrand.

Die ist auch immer sehr pünktlich angekommen, denn von den 24 Fahrgästen hat sich auch nie jemand beschwert.

Im Zweiten Weltkrieg wurde die Lösung ein zweites Mal gebraucht. Die Pferde waren verhungert, die Bestatter wieder im Krieg, Treibstoff gab es keinen, also griff man auf die alte Erfindung zurück. Um 1944 war endgültig Schluss, weil die Luftangriffe das Schienennetz zu stark zerstört hatten. Von drei Garnituren blieb am Ende eine übrig, und auch die ist verschwunden.

Es gab sogar Entwürfe für einen schwarzen Triebwagen, in dem Angehörige hätten mitfahren können; umgesetzt wurde das nie. Ökologisch wäre eine solche Linie heute sogar produktiv, meint Traxler, und er hält die Idee für weniger überholt, als sie klingt: Wenn Städte ihren Verkehr wieder stärker auf die Schiene verlegen, wäre auch für diesen Weg Platz – planmäßig und ohne Umweg über die Straße.