Die Hände liegen auf kaltem Stein und tasten sich abwärts: eine Hüfte, ein überschlagenes Bein, dann die Zehen. Ganz unten wird die Oberfläche pelzig. Moos. Die Figur hat lange im Freien gestanden, und das lässt sich hier, im Untergeschoß, noch immer erfühlen. Wir stehen im Wotruba-Depot des Belvedere 21, zwischen Schwerlastregalen voller Kunstwerke – und die Führung besteht darin, sie anzugreifen.
„Anders Sehen“ heißt das Programm: eine inklusive Kunstbetrachtung mit multisensorischer Vermittlung für sehende, sehbeeinträchtigte und blinde Besucher:innen. Kein Sonderformat für eine Gruppe also, sondern ein Rundgang, bei dem alle gemeinsam gehen. Dass das lange nicht selbstverständlich war, liegt an einer hartnäckigen Annahme: Wer ans Museum denkt, denkt zuerst ans Sehen. Daraus folgte das Selbstverständnis, ein blinder Mensch habe von einem Bild eben nichts.
Franz, einer der Teilnehmer, ist blind und hält dagegen. Er kommt nicht ins Museum, weil ihm jemand vorliest, sondern weil ein Museum ein Ort ist:
„Museen haben eine eigene Atmosphäre. Vielleicht ist das wie in der Sauna. Ich könnte es mir zu Hause auch einheizen, bis ich schwitze, aber das interessiert mich nicht. Es braucht die richtige Umgebung. Schmalzbrot schmeckt am besten beim Heurigen.“
Die Magie des Originals, sagt er, stecke in weit mehr als einem Sinn. Ob der Eindruck, der beim Beschreiben entstehe, der richtige sei, ist dabei zweitrangig. Er schafft eine Beziehung zum Werk.
Wie sich Abstraktion anfühlt
Durch das Depot führt Eva Mühlbacher, Kunstvermittlerin am Belvedere. Sie leitet die Hände an: erst das Regal links, Vorsicht wegen der Regalböden, dann die Skulptur. Um den Hals der ersten Figur hängt eine Schnur mit der Werkverzeichnisnummer – ein frühes Beispiel für eine liegende Frauenfigur von Fritz Wotruba, fast zwei Meter lang. Von Skulptur zu Skulptur wird der Bildhauer, der von 1907 bis 1975 lebte, abstrakter. Am Ende stehen drei Quader auf einem Sockel: einer für den Oberkörper, ein schräg aufgesetzter für den Halsansatz, unten zwei für die Beine. Eine Reduktion auf das Zentrum des Körpers.
Beim Tasten wird diskutiert, und dabei kippt die Sache. Für Franz ist so ein Quaderstapel leichter zu erkennen als eine barocke Statue, bei der unter dem Gewand nur eine Schuhspitze hervorsieht und die Arme in den Falten verschwinden. Barock kann sich also abstrakter anfühlen als Moderne. Was Abstraktion bedeutet, liegt buchstäblich in den Händen derer, die sie ertasten.
Nicht jede Führung arbeitet so viel mit Berührung. Veronika, die ebenfalls blind ist, erzählt von Rundgängen im Kunsthistorischen Museum Wien, bei denen vor allem Bilder beschrieben werden. Manchmal bringen die Vermittler:innen Material mit: Stoffe für die Kleider auf dem Bild, einen Elefantenzahn für Elfenbein.
Auf Augenhöhe entwickelt
Was eine gute Beschreibung ausmacht, ist für Franz zuerst eine Frage der Geisteshaltung: ob jemand ein Werk erlebbar machen will oder sich fragt, was man da machen solle, der sieht es ja nicht. Danach kommt das Handwerk – Format, Größe, hell oder dunkel, was im Vordergrund wichtig ist, welche Geschichten dazugehören. Veronika ergänzt, was fehlt, wenn nur aufgezählt wird, wer wo steht: Das löse bei ihr nichts aus. Es brauche Emotionen und Adjektive.
Genau das war für Julia Haimburger die größte Umstellung. Die Kunstvermittlerin hat das Programm am Belvedere vor einigen Jahren übernommen und neu aufgesetzt. Den eigenen Eindruck zu schildern, sei man als Kunsthistorikerin nicht gewöhnt: „viel zu individuell und viel zu wenig abgeklärt und akademisch“. Statt intern Konzepte auszuarbeiten, lud ihr Team von Beginn an blinde und sehbeeinträchtigte Expertinnen ein und fragte nach ihren Erwartungen an einen Museumsbesuch. Veronika war eine von ihnen. Andere Projekte hat sie anders erlebt, mit der unausgesprochenen Erwartung, man möge dankbar sein. Hier nicht: „Das war immer eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe, auf Gleichwertigkeit.“
Der Umbau vom Spezialangebot zum offenen Format hat einen Nebeneffekt, der im Depot gut zu beobachten ist. Wenn eine sehende Begleitperson eine Skulptur einen komischen Klotz nennt und die Vermittlerin von einer für ihre Zeit modernen Arbeit spricht, stehen zwei Wahrnehmungen nebeneinander, und aus der Reibung entsteht ein dritter Eindruck. Viele Stimmen kommen näher an ein Werk heran als eine.
Inzwischen läuft es von selbst weiter. Die Kerngruppe trifft sich auch außerhalb des Programms, weil aus den Teilnehmer:innen Freund:innen geworden sind, die gemeinsam ins Museum gehen – Eva Mühlbacher inklusive. Ein Vermittlungsprogramm, das Kontakte stiftet, die es sonst nicht gäbe: Das ist mehr, als ein Tastrelief leisten kann.
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