Objekte
November 18, 2022
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Belvedere

Ein Herz im Wald: Daniel Fischers Diptychon im Unteren Belvedere

Ein gemalter Wald, in einen echten Wald gehängt und fotografiert: Karla Starecek zeigt in der Ausstellung „GROW“ im Unteren Belvedere ein Diptychon von Daniel Fischer, in dem die Natur ein Herz bekommt.

Ein Herz im Wald: Daniel Fischers Diptychon im Unteren Belvedere
Foto: Johannes Stoll / Belvedere, Wien

Draußen verlieren die Bäume gerade ihre Blätter, drinnen treiben sie aus. Im Unteren Belvedere stehen Bäume in allen Farben und Formen, vom Mittelalter bis in die Gegenwart – ein Wald aus Kunstwerken. In einem der letzten Räume der Ausstellung „GROW“ zeichnet eine Skulptur die Umrisse eines Menschen nach: zwei Beine, zwei Arme, ein Umhang mit Kapuze über dem Kopf. Im hohlen Inneren der Figur hängt eine Lunge aus Lorbeerblättern, Bronze, vergoldet – eine Arbeit von Giuseppe Penone. Gleich dahinter liegen die übrigen Organe: ein Hirn auf der einen Seite, auf der anderen ein riesiges, leuchtend rotes Herz.

Karla Starecek, Kunsthistorikerin und Kunstvermittlerin, liest diesen Raum als eine einzige Anatomie: der Wald als goldene Lunge des Menschen. Das Herz gegenüber stammt von Daniel Fischer, 1950 in Bratislava geboren, und ist streng genommen kein Herz, sondern ein Diptychon aus dem Jahr 1995. Beide Tafeln messen 2,7 mal 2 Meter. Die linke ist gemalt und gesprayt, man erkennt Pinselstrukturen ebenso wie Sprayspuren, und die Farbe zieht den Blick in die Mitte, in abstrakte Rot-, Gelb- und Orangetöne, als würde es dort brennen. Eine Öffnung, in die man hineinsieht wie in ein pulsierendes Herz.

„Man wird richtig eingeladen, hier davorzustehen und vielleicht auch ganz still zu werden und dem Herzschlag der Natur zuzuhören.“

Die zweite Tafel erklärt den Trick. Fischer nahm das fertige Bild mit hinaus in einen Wald und suchte dort so lange, bis er eine Stelle fand, an der Stämme und Äste ein Gewölbe bilden, fast wie in einer Kathedrale. Dort hängte er die Leinwand auf und fotografierte sie. Nichts daran ist retuschiert, bei genauer Betrachtung sind die Ränder des Gemäldes im Geäst zu erkennen. Der gemalte Wald fügt sich so genau in den echten, dass in dessen Brustkorb tatsächlich ein Herz zu schlagen scheint. Die Fotografie ließ Fischer im Format der Leinwand ausarbeiten, ohne Auflage, als Unikat. Beide Tafeln werden nur gemeinsam gezeigt.

Dass ein Werk von 1995 in einer Schau über den Baum in der Kunst neben mittelalterlicher Bildsprache und ihrer religiösen Symbolik hängt, hat für Starecek einen Grund. Bei den zeitgenössischen Künstler:innen beobachtet sie einen sensiblen Umgang mit der Natur – und einen Blick auf das Anthropozän, jenes Zeitalter, in dem der Mensch massiv auf seine Umwelt einwirkt. Mit der Industrialisierung habe die Ausbeutung begonnen, sagt sie, mittlerweile schlage die Natur zurück: Klimaerwärmung, Umweltkatastrophen. Werke wie dieses argumentieren nicht, sie laden zu einem emotionalen Zugang ein. Erst danach kommt das Umdenken.

Blick in die Ausstellung „GROW. Der Baum in der Kunst“ im Unteren Belvedere.
Ein Wald aus Kunstwerken: Blick in die Ausstellung „GROW. Der Baum in der Kunst“ im Unteren Belvedere. – Foto: Johannes Stoll / Belvedere, Wien

Eine Lunge, ein Hirn und ein Herz, das ein bisschen kitschig ist und genau deshalb funktioniert. Gemeinsam ergeben sie den Torso eines Körpers, den es so nicht gibt – und ein Mahnmal dafür, dass der Mensch das, was er zerstört, gerade noch als Selbstporträt erkennen kann.