Ein Feldherr steht auf einem Felsen, im goldenen Gewand, den Kommandostab ausgestreckt, hinter ihm brennt eine Stadt. Prinz Eugen von Savoyen, Bauherr des Belvedere, in voller Repräsentation. Und hinter ihm, halb im Schatten, eine zweite Figur: prächtig gekleidet, weißer Turban, goldene Stiefel, Schwarze Haut. In den Händen hält sie den Helm des Prinzen.
Vor diesem Gemälde, Johann Gottfried Auerbachs „Prinz Eugen von Savoyen als Feldherr“ von etwa 1725/30, steht eine Besuchsgruppe im Unteren Belvedere und hört zu. Tayla Myree, Historikerin, und Paul Walther, Kunstvermittler am Belvedere, führen gemeinsam durch das Haus, auf Englisch, unter dem Titel „Turning the Page. Representations of Blackness“. Myree stellt an den Anfang eine Triggerwarnung: Es geht um koloniale Gewalt, um Macht und um Rassismus.
So auch bei der Figur, die hier im Hintergrund zu sehen ist. Sie trägt eine Kette um den Hals, ein Zeichen dafür, dass dieser Mensch Eigentum ist, Eigentum des Prinzen. Wer vorne im Bild steht, weiß jede Besucherin. Wer die Figur dahinter ist, hat lange niemanden interessiert. Die beiden Guides reichen ein Tablet herum: darauf ist ein anderes Gemälde zu sehen, eine andere Szene, aber wir sehen die exakt selbe Person. Abgemalt. Was das bedeutet ist folgendes: Wir sehen weder hier noch dort ein echtes Porträt eines echten Menschen, der historisch nachweislich gelebt hat. Der Künstler malt den Diener als namenlosen Typus, als Karikatur, wie Myree sagt.
Das steht mittlerweile - auch Dank dieser Führung - im Beschreibungstext neben dem Bild:
„Als exotisierte Nebenfigur erscheint an seiner Seite ein Schwarzer Page, der einen Helm hält und dessen stereotype Darstellung aus heutiger Sicht einer rassistischen Bildtradition zuzuordnen ist.“
Alles ist Geschichte
Entstanden ist die Führung aus einem Fellowship des Wiener Förderprogramms kültüř gemma! am Belvedere 21. Myree, die zu African American Studies im Zusammenhang mit Aktivismus, Rassismus und Reparationen forscht, hielt dort zunächst einen internen Workshop, offen für das kuratorische Team, für die Kunstvermittlung und für alle anderen im Haus, die es interessierte. Daraus wurde ein Rundgang, der ihre Perspektive als Schwarze Historikerin mit Kunstgeschichte und Vermittlung verbindet.
Die Repräsentation Schwarzer Menschen und Figuren in der europäischen Kunst ist ein wenig erforschtes Thema, sagt Myree. Es gäbe hier wirklich viel Forschungsarbeit zu leisten. Diese Führung ist der Anfang diese Lücke am Belvedere sichtbar zu machen und das Publikum zum Schauen und Nachdenken aufzufordern.
Deshalb gibt es im Anschluss jeder Führung ein Debriefing, bei dem Fragen gestellt werden und Diskussionen entstehen können: wie man mit Darstellungen umgeht, die in die Architektur eingeschrieben sind, was mit kolonialem Raubgut geschehen soll, wie sich der Blick auf Race über die Jahrhunderte verschoben hat, welche Rolle die Habsburger im kolonialen Geschäft spielten. An der Station zu Apollo wird sichtbar, wie aus einem antiken Schönheitsideal weißer Männlichkeit eine rassistische Weltanschauung wurde, und wie sehr wir bis heute in diesen Bildern stecken. Was tut das mit uns?
Kunstvermittlung, sagt Myree, trenne oft zwischen Kunstgeschichte und Geschichte, zwischen der Frage, wie ein Bild gemalt ist, und der Frage, was es zeigt. Dabei sei alles Geschichte, sobald man Kunst betrachtet.
Die Tour gibt es nun auch als eigens produzierten Audio Guide. Mit zusätzlichen Interviews als Deep Dives. Er heißt „Turning the Page“ und ist auf deutsch und auf englisch kostenlos verfügbar und über smartify überall abrufbar.
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