Seine Kinder um 1880 in Wien in Weiß auf die Straße zu schicken, war ein klares Zeichen an die Nachbarschaft: Man konnte es sich leisten. Das Kleid wurde einmal getragen, dann nahm es das Personal zum Waschen, und am nächsten Morgen lag ein frisches bereit. Weiß trugen nur Kinder jener Familien, die Personal hatten und genug Kleider im Schrank.
„Weiße Kleidung für Kinder, das war ein Statussymbol dieser Ringstraßengesellschaft.“
Michaela Lindinger, Kuratorin im Wien Museum, hat jahrelang an einer Ausstellung gearbeitet, die solche Zusammenhänge sichtbar macht. Jetzt wird sie aufgebaut. „Farbenspiel – Mode aus vier Jahrhunderten“ eröffnet am 1. Oktober 2026 am Karlsplatz, die erste Modeausstellung des Hauses seit mehr als 15 Jahren. Kuratiert hat Lindinger sie gemeinsam mit Regina Karner, Modehistorikerin und bis 2021 Leiterin der Modesammlung.
Rund 350 Kleidungsstücke sind nicht nach Epochen geordnet, sondern nach Farben: Rot, Weiß, Schwarz, Blau, Grün und Gelb, die alten Farben der Heraldik, dazu ein Kapitel für das Bunte. Es gibt einen Raum nur mit schwarzen Stücken, einen nur mit roten. Die Kapitel sind unterschiedlich groß, weil die Sammlung nicht von jeder Farbe gleich viel hergibt. Blau gehört zu den größten – es ist seit Jahrzehnten weltweit die meistgenannte Lieblingsfarbe, und Lindinger vermutet dahinter eine Sehnsucht der Stadtmenschen nach Himmel und Meer.

Zwei Jahre Vorlauf, ein Depot in Niederösterreich
Die Modesammlung des Wien Museums umfasst rund 25.000 Stücke – Kleider, Taschen, Schuhe, Hüte, Schleier, Fächer, für Frauen, Männer und Kinder. Sie lagert in einem gesicherten Depot in Niederösterreich, bei konstanter Temperatur und Luftfeuchtigkeit. Besichtigen lässt sie sich nicht, und es gäbe dort auch nichts zu sehen: Die Stücke hängen in Kästen, zusätzlich geschützt durch Textilien und Papiere. Modeausstellungen sind teuer und brauchen Vorlauf. Vieles muss restauriert, alles für den Katalog fotografiert und übersetzt werden. Deshalb begann Lindinger schon vor über zwei Jahren, die Objekte auszuwählen. Das älteste sind Strumpfbänder aus den 1780er-Jahren.

Gesammelt wird seit den 1880er-Jahren, als das Museum als bürgerliches Stadtmuseum entstand – und das Bürgertum definierte sich nicht zuletzt über Kleidung. Aufgenommen wird nur, was original ist; schon ein ausgetauschter Knopf führt zu Diskussionen. Heute wird gezielt nachgesammelt, etwa gut erhaltene Damenhosenanzüge der 1930er-Jahre. Die sind in Wien schwer zu finden, weil in jenen Jahren wenig Geld für Neues da war und viel selbst genäht und umgearbeitet wurde.
Farbe war lange eine Rechtsfrage. Bis ins 18. Jahrhundert legten Kleiderordnungen fest, welche Bevölkerungsgruppe welche Farben tragen durfte und welche nicht. Durchsetzbar waren sie am Ende nicht mehr, weil zu viele Nichtadelige zu wohlhabend geworden waren. Dann wurde Farbe eine Frage der Technik. In der Biedermeierzeit färbte man fast alles mit Pflanzenfarben oder mit Steinabrieb; Lapislazuli war zeitweise teurer als Gold. Ob ein Ton die Wäsche und die Sonne überstand, war offen. Mit den künstlichen Anilinfarben, die um 1854 aufkamen, wurde plötzlich die ganze Palette möglich, und zwar günstig. Die erste hieß Mauve, ein Lila. Queen Victoria trug es in der Trauer um ihren Mann, womit es zur Halbtrauerfarbe aufstieg; Kaiserin Elisabeth schrieb mit mauvefarbener Tinte.
Um 1800 war die Frauenmode weiß. Die Kleider der Empirezeit kamen aus Paris und fielen gerade und eng. Man wollte darin aussehen wie eine antike Statue – ohne zu wissen, dass die griechischen Statuen einst bunt bemalt waren. Aus derselben Zeit stammt ein grünes Bubenkostüm: Rousseaus „Zurück zur Natur“, übersetzt in Kinderkleidung.
Ein neongelber Anzug gegen die Wiener Vorsicht
Wie langsam Neues ankam, zeigt ein knallgelber Herrenanzug von 1968, geschnitten wie in der englischen Popkultur und so schmal, dass sich kaum eine Figurine dafür fand. Es ist der einzige dieser Art in der Sammlung. Wien war modisch konservativ: Von den Minikleidern, in denen junge Britinnen damals heirateten, besitzt das Haus genau ein Exemplar. Der Anzug, „Golden Twenties“ vom Label Licona, ist nun das Plakatmotiv der Ausstellung – neben einem grünen Abendkleid von Josef Mikl aus den Jahren 1970/71.

Gezeigt wird getragene Mode: anonyme Alltagsstücke neben Entwürfen von Gertrud Höchsmann, Adele List, Fred Adlmüller, Helmut Lang, Schella Kann und Susanne Bisovsky. Lindingers eigenes Lieblingsstück ist ein Kleid aus dem Salon Emilie Flöge um 1900, einem Wiener Modehaus, das von Frauen geführt wurde. Wie es aussieht, verrät sie nicht. Eines aber zieht sich durch alle Räume: Farben sind nie nur Geschmack. Sie zeigen, was möglich, was leistbar und was erlaubt war.
„Farbenspiel – Mode aus vier Jahrhunderten“ wird am 30. September 2026 eröffnet und läuft vom 1. Oktober bis 28. März 2027 im Wien Museum am Karlsplatz. Zur Ausstellung erscheint ein Katalog im Hirmer Verlag. Der Eintritt kostet zwölf Euro, ermäßigt zehn; unter 19 Jahren und am ersten Sonntag im Monat ist er frei.
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