„Wer glaubt im Rathaus wirklich, dass Erholungssuchende zu kilometerlangen Fußmärschen bereit sind? Das Resultat wird eine Insel ohne Menschen sein.“ So kommentierte die Kronen Zeitung 1973 ein Bauprojekt, das damals noch ein Erdhaufen im Wasser war. Heute nutzen an heißen Sommertagen schätzungsweise mehr als 200.000 Menschen pro Tag die Donauinsel – rund zehn Prozent der Wiener Stadtbevölkerung.
Diesem Missverständnis widmet das Wien Museum eine Ausstellung: „Die Donauinsel. 21 Kilometer Freiraum“, zu sehen bis 30. August 2026. Kuratiert hat sie Martina Nußbaumer, Kuratorin am Wien Museum, Historikerin und Kulturwissenschaftlerin, gemeinsam mit Ulrike Krippner vom Institut für Landschaftsarchitektur der Universität für Bodenkultur Wien und einem größeren Team.
Ein Nebenprodukt des Hochwasserschutzes
Die Vorgeschichte reicht ins späte 19. Jahrhundert. Zwischen 1870 und 1875 wurde die Donau bei der ersten Wiener Donauregulierung in ein gerades Flussbett gezwungen, daneben legte man ein rund 475 Meter breites und etwa 20 Kilometer langes Überschwemmungsgebiet an, das nicht bebaut werden durfte. Es half, aber es reichte nicht: Beim Hochwasser 1954 stand das Wasser am Handelskai eineinhalb Meter hoch, die Energieversorgung ganzer Bezirke war bedroht. Erst danach begann die Stadt, einen „totalen Hochwasserschutz“ zu planen.
1969 beschloss der Wiener Gemeinderat mit den Stimmen von SPÖ und FPÖ gegen jene der ÖVP eine wasserbautechnische Variante: ein Entlastungsgerinne, das im Hochwasserfall die überschüssigen Wassermassen aufnehmen sollte – die spätere Neue Donau. Die Insel entstand zunächst als Nebenprodukt. Man schüttete den Aushub auf kurzem Weg daneben auf, kostengünstig, mit steilen Böschungen. 1970 fuhren die Bagger, und noch immer war offen, was auf diesem Damm einmal stehen würde.
Der Gestaltungswettbewerb „Wien an die Donau“, den Stadt und Bund von 1973 bis 1977 in zwei Stufen austrugen, lief der Baustelle also hinterher. In der ersten Phase sahen 44 von 45 Einreichungen eine zumindest teilweise Bebauung vor; viele Architekten wollten die städtebaulich getrennten Ufer links und rechts der Donau mit baulichen Spangen verbinden. Nur ein einziger Vorschlag verzichtete darauf, jener des Landschaftsarchitekten Gottfried Hansjakob, der später in die zweite Phase hinzugezogen wurde. 1975 entschied sich die Jury für die Nichtbebauung. Nußbaumer nennt dafür mehrere Gründe: Fürsprecher in der Verwaltung, eine aufkeimende Umweltbewegung, ein wachsendes Bewusstsein für alte Aulandschaften – und eine Bevölkerung, die mit dem Überschwemmungsgebiet ihr wichtigstes konsumfreies Naherholungsgebiet verlor.

Wer sich die Insel nimmt
Denn leer war dieser Streifen nie. Luftaufnahmen zeigen ihn unverbaut, Fotos von unten zeigen Tausende: wild Badende schon um 1900, Fußballmatches trotz Verbots, Fischer, Nacktbadende, klandestine politische Treffen im Austrofaschismus und in der NS-Zeit, dazu ein improvisierter Flughafen in den 1920er-Jahren, von dem aus für ein paar Jahre Linienflüge nach Budapest abhoben. Wer sich das Gänsehäufel nicht leisten konnte, ging ins Überschwemmungsgebiet. Erforscht ist diese Alltagsgeschichte kaum – mit dem Areal verschwand auch die Erzählung davon.
Die Aneignung setzte sich nahtlos fort. Ein Foto in der Ausstellung zeigt eine Person in Badehose auf einer Liege, mitten im aufgeschütteten Sand, ringsum keine einzige Pflanze. Zwölf Porträts erzählen die Gegenwart: ein blinder Triathlet, ein Grillmeister, der im Auftrag der Stadt Konflikte schlichtet, bevor sie ausbrechen, Cricket spielende Männer aus Pakistan, eine 75-Jährige, die in den 1980er-Jahren aus dem Iran nach Wien flüchtete und an der Neuen Donau das Nacktbaden entdeckte. Zehn Tage habe es gedauert, bis sie den Bikini fallen ließ, erzählt sie im Interview.

„Das fanden wir so eine schöne Geschichte einer doppelten Befreiung, einer politischen, einer körperlichen.“
Ökologisch war die Insel lange ein Nachzügler. Erst in der Schlussphase des Baus ließ man zufällig entstandene Teiche bestehen und legte künstliche Gewässerhabitate an. Heute leben hier 136 Wildbienenarten und über 30 Libellenarten, sogenannte Trittstein-Biotope verbinden die Auen nördlich und südlich von Wien, gemäht wird stellenweise von Schafen. 1988, im Jahr der Fertigstellung, hatte Wien mit 1,45 Millionen den niedrigsten Bevölkerungsstand des 20. Jahrhunderts. Seither ist die Stadt um mehr als eine halbe Million gewachsen, gerade rund um die Insel herum.
Ob ein solches Projekt heute noch möglich wäre, lässt Nußbaumer offen: Der Druck auf Grund und Boden sei in der wachsenden Stadt ungleich größer geworden. 42 Kilometer frei zugängliches Ufer mitten im Stadtgebiet – zum Vergleich sind es an der ähnlich langen Uferlinie des Wörthersees rund zehn Prozent – verschenkt heute niemand mehr.
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