Ein Glas, mehr als 100 Jahre verschlossen, niemand hatte je hineingesehen. Als Kolleginnen aus Bonn und Brasília die Wurmschlangen des Naturhistorischen Museums Wien durchgingen, blieben sie daran hängen: fadendünne Tiere, kaum von einem Regenwurm zu unterscheiden, die sich keiner bekannten Art zuordnen ließen. Es folgten ein CT-Scan, genetische Untersuchungen und das mühsame Zählen der glatten, winzigen Schuppen. 2019 stand fest, dass es eine neue Art ist. Sie heißt Epictia rioignis, „Feuer in Rio“, benannt nach dem Brand, der 2018 das Nationalmuseum in Rio de Janeiro zerstörte. Ins Haus gekommen waren die Tiere 1907, gestiftet von Franz Steindachner.
Silke Schweiger, Leiterin der 1. Zoologischen Abteilung am Naturhistorischen Museum Wien, war an der Beschreibung beteiligt. Sie kuratiert die herpetologische Sammlung – als erste Frau in einer Reihe, die mit Leopold Fitzinger begann und über Steindachner, Otto Wettstein und Josef Eiselt bis in die Gegenwart führt. Im ersten Stock lagern rund 140.000 Amphibien und Reptilien in Gläsern, dazu 7.000 Skelette und Trockenpräparate. Das älteste Stück datiert auf 1804.
Konserviert wird in 75-prozentigem Alkohol, und davon stehen dort oben 40 Tonnen. Trinkbar ist er nicht: Er muss mit Methanol vergällt werden, sonst fiele Alkoholsteuer an. Schweiger führt gemeinsam mit einem Kollegen das Alkoholreferat des Hauses und kauft rund 1.000 Liter im Jahr ein – eine Aufgabe, die im Zoologiestudium nicht vorkommt.
Ein Archiv für Fragen, die noch niemand gestellt hat
Warum ein Museum Tiere aufbewahrt, die es draußen ohnehin gibt, ist die häufigste Frage. Nur gibt es sie draußen oft nicht mehr. Dann kommen Anfragen, ob Wien noch Material einer Art besitzt, deren Lebensraum verschwunden ist. Aus den Gläsern lässt sich die Pestizidbelastung vergangener Jahrzehnte rekonstruieren; an altem Material war nachweisbar, dass Pilzerkrankungen bei Amphibien viel länger existierten als angenommen. Was früher als zu alt für Genetik galt, liefert dank der sogenannten Museomics inzwischen ganze Genome. Und statt einen Schlangenschädel zu präparieren und das Tier dabei zu zerstören, dreht Schweiger es heute im CT-Scanner und sieht sich die Bezahnung an.
„Wenn unsere Kolleginnen und Kollegen vor 100 Jahren nicht gesammelt hätten, hätten wir diesen Schatz jetzt nicht, den wir alle weltweit beforschen können.“
Gesammelt wird trotzdem anders als früher. Wo Expeditionen einst mitnahmen, was sie fanden, braucht es heute Ein- und Ausfuhrgenehmigungen, CITES-Papiere, Kooperationen mit Forschenden vor Ort und meist ein Jahr Vorlauf; die Zahl der Tiere ist vorgegeben. Diese Verschiebung stellt das Museum zum 150-Jahr-Jubiläum in der Ausstellung „Gutes Sammeln, böses Sammeln“ selbst zur Diskussion.
Ein Anruf aus der Kletterroute
Denn gesammelt wird auch abseits der Wissenschaft. Der illegale Handel mit Wildtieren rangiert wirtschaftlich hinter Drogen, Waffen und Menschenhandel: Reptilienhaut wird zu teurer Kleidung, Schlangen werden in Schnaps eingelegt und als Heilmittel verkauft. Das Museum unterstützt deshalb den österreichischen Zoll. Über einen Verteiler landen Fotos fraglicher Objekte bei Fachleuten im ganzen Land, und wer zuständig ist, meldet sich. Bei Reptilien ist das Schweiger. In einem Sparkling-Science-Projekt schickte sie außerdem Schülerinnen und Schüler los, um dem Thema im eigenen Umfeld nachzugehen – sie wurden fündig.
Manchmal beginnt Forschung mit einem Anruf. 2020 meldete eine Frau, sie habe beim Klettern nahe Wiener Neustadt eine Schlange gesehen, die dort nicht hingehöre. Das Foto zeigte eine Europäische Hornotter, deren Vorkommen in Österreich auf Kärnten und die südliche Steiermark beschränkt ist. Schweiger fuhr hin und fand bei der ersten Begehung mehrere Tiere: ausgesetzt, aber längst etabliert, an einem südexponierten Hang, der aussieht wie Kroatien. Inzwischen läuft dort die zweite Masterarbeit.
Solche Verschiebungen häufen sich. In Wiener Teichen sitzen ausgesetzte Schmuckschildkröten, mit Olivenbäumen auf Lastwagen reisen Mauereidechsen aus halb Europa mit, wärmeliebende Arten wie die Äskulapnatter breiten sich aus, während die Kreuzotter in höhere Lagen ausweicht. Um solche Bewegungen überhaupt zu erfassen, sammelt das Museum seit 35 Jahren auch Beobachtungsdaten von Bürgerinnen und Bürgern – Grundlage für Rote Listen und einen neuen Verbreitungsatlas. Bei der Herpetorace der Österreichischen Gesellschaft für Herpetologie wird daraus Ende Mai ein Wettbewerb: 48 Stunden lang Fundmeldungen, die meisten Punkte für die weißen Flecken auf der Karte.
Am härtesten trifft der Klimawandel die Amphibien. Die Laichgewässer trocknen aus, die Fortpflanzung bleibt aus, künstlich auffüllen lässt sich das nicht. „Wir warten auf Regen“, sagt Schweiger. Was dann noch bleibt, steht in Gläsern im ersten Stock.
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