Objekte
January 27, 2022
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NHM Wien

Situs inversus: ein spiegelverkehrter Oberkörper im Narrenturm

Ein Meter hohes Glas, darin ein menschlicher Oberkörper: Eduard Winter zeigt in der Pathologisch-anatomischen Sammlung im Narrenturm ein Präparat, bei dem Herz, Leber und Magen auf der falschen Seite liegen – und der Mensch trotzdem gesund war.

Situs inversus: ein spiegelverkehrter Oberkörper im Narrenturm
Foto: PACN26w1, Public Domain, via Wikimedia Commons

Ein zylindrisches Glas, etwa einen Meter hoch, darin eine Formaldehydlösung und ein menschlicher Oberkörper. Arme, Beine und Kopf fehlen, die vorderen Rippen sind weggeschnitten, damit der Blick frei in den Körper geht. Zu sehen sind die Darmschlingen, wie sie sich winden, darüber der Magen, daneben die Leber, das Herz, dahinter die Lungenflügel. Vom Becken weg ist das Skelett frei präpariert, dort, wo sonst die Hüftgelenke ansetzen. Es ist eines der größten Feuchtpräparate der Pathologisch-anatomischen Sammlung im Narrenturm.

Eduard Winter, Kustos der Pathologisch-anatomischen Sammlung des Naturhistorischen Museums Wien, betreut diese Bestände im ehemaligen Irrenhaus am Gelände des Alten AKH. Die Humanpräparate wurden angelegt, um angehenden Mediziner:innen Krankheiten, Fehlbildungen und Besonderheiten des menschlichen Körpers realistisch vorführen zu können. Dieses eine Glas aber zeigt weder das eine noch das andere. Es gehört, sagt Winter, seit seinem ersten Tag im Haus zu seinen Lieblingsobjekten.

Das Herz deutet in die falsche Richtung. Die Leber liegt auf der Seite, auf der sie nicht liegen sollte. Der Magen ist verdreht. Was hier konserviert wurde, ist ein Situs inversus, lateinisch für die umgekehrte Lage: Sämtliche Organe sind spiegelverkehrt angeordnet, als hätte jemand den Bauplan des Körpers an einer Mittelachse gekippt. Manchmal betrifft das nur einzelne Organe, hier ist die Spiegelung vollständig.

„Der ist eigentlich völlig gesund, aber die Organe sind alle spiegelverkehrt angeordnet.“

Genau darin liegt das Ungewöhnliche dieses Präparats. In einer Sammlung, die für den Unterricht angelegt wurde und deshalb vor allem das Kranke und das Fehlgebildete versammelt, steht hier ein Körper, an dem nichts falsch ist. Kein Leiden, keine Behinderung, keine Diagnose. Nur eine anatomische Variante, die einwandfrei funktioniert. In der medizinischen Literatur wird ihre Häufigkeit mit etwa einer von 10.000 Personen angegeben – selten genug, um erstaunlich zu sein, häufig genug, um Ärzt:innen immer wieder zu begegnen.

Und deshalb ist die Variante Lehrstoff. Wer den Blinddarm links statt rechts vermutet, kann bei einer Operation ins Straucheln kommen; wer die Organe an ihren gewohnten Plätzen sucht, übersieht möglicherweise eine Erkrankung, weil das betroffene Organ schlicht woanders liegt. In Zeiten ohne bildgebende Verfahren, als man von einer immer gleichen Anatomie ausging, konnte diese Gewissheit gefährlich werden. Ein Präparat wie dieses war die einzige Möglichkeit, angehenden Mediziner:innen zu zeigen, dass der Normalfall nicht der einzige Fall ist.

Winter nennt es eines der anschaulichsten Stücke der Sammlung, und aufwendig herzustellen war es ohnehin. Heute klärt ein Ultraschall in Sekunden, wo ein Herz sitzt. Geblieben ist die Lektion, für die das Glas im Narrenturm steht: Der menschliche Körper hält sich nicht immer an das Lehrbuch. Manchmal macht er einfach alles andersherum – und es fällt ein Leben lang niemandem auf.