Der Zahn füllt eine Handfläche. Die Schneidekanten sind fein gezackt, oben liegt glatter Zahnschmelz, unten sitzt die Wurzel. Gefunden wurde er nicht in einem fernen Ozean, sondern im Wiener Becken, und er ist rund 14 Millionen Jahre alt.
Iris Feichtinger, Präparatorin in der geologisch-paläontologischen Abteilung des Naturhistorischen Museums Wien, hält ihn in den Büroräumen hinter den Schausammlungen in der Hand. Dass Zähne dieser Größe aus der Umgebung von Wien kommen, hat einen Grund: Österreich lag den größten Teil der Erdgeschichte unter Wasser. Im Miozän, vor 14 bis 15 Millionen Jahren, durchstreiften hier Haie aller Größen ein warmes Meer.
Der Zahn stammt vom Megalodon, dem Riesenzahnhai, dem größten Hai, der je gelebt hat. Wie groß das Tier war, lässt sich nicht direkt messen: Ein vollständiges Skelett kennt man nicht. Haie sind Knorpelfische; Knorpel ist eine energieeffiziente Leichtbauweise, aber fossil kaum erhaltungsfähig. Nur die Zähne überdauern. Die Körperlänge schätzt man deshalb über einen Umweg: Bei heutigen Haien lässt sich das Verhältnis von Zahn- und Körpergröße bestimmen. Für den Megalodon kommen so 15 bis 18 Meter heraus, dazu eine Rückenflosse von 1,60 Meter und vier Meter Schwanzflosse.
Warum ein derart großer Räuber untergeht, erklärt Feichtinger mit zwei Entwicklungen. Vor etwa sechs Millionen Jahren trat der Weiße Hai auf: mit maximal sieben Metern kleiner, wendiger, sparsamer im Energiebedarf, und er frisst auch Aas. Vor drei bis 2,6 Millionen Jahren kühlte das Klima stark ab, die Meere verloren massenhaft Arten, darunter die vielen kleinen Wale – der Gigantismus kam erst später. Damit fiel die Nahrungsgrundlage weg, bei diesem Energieumsatz oft das Aus.
Wovon sich der Megalodon ernährte, verraten Bissspuren an Fossilien von Robben und Seekühen, in denen sich die gezackte Kante abdrückt „so wie das Steakmesser, was durch den Knochen durchgeschnitten hat“. Diesen Glücksfall gab es auch in Österreich: Feichtinger hat das 14,5 Millionen Jahre alte Skelett einer jungen Seekuh aus dem Steinbruch Retznei in der Steiermark publiziert, mit Bissspuren und sieben danebenliegenden Zähnen – der bislang älteste Nachweis einer Räuber-Beute-Beziehung zwischen Tigerhai und Seekuh.
Das zweite Objekt ist unscheinbar: eine etwa acht Zentimeter große Steinplatte aus St. Margarethen im Burgenland, darauf ein kleines braunes Häkchen. Es ist ein Reusendorn aus der Kiemenreuse eines Riesenhais, wie ihn heute Cetorhinus maximus vertritt. Auch dieser Hai schwamm zur Zeit des Megalodon im Wiener Becken, imposant groß. Nur ernährte er sich von Plankton, weshalb sich seine Zähne zurückbildeten.
Zähne verlieren Haie ohnehin ständig: Das Revolvergebiss schiebt neue von innen nach außen wie auf einem Förderband, alle paar Tage fällt einer aus. Deshalb liegen in manchen Sedimenten so viele davon, dass man sie aussieben kann wie Sand im Kindersieb. Und deshalb sagt die Größe eines einzelnen Zahns wenig: Der eine Riese hinterließ Klingen, der andere ein Häkchen.
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