Fünf große Türen, etliche Gänge, dann ein Büro tief im Naturhistorischen Museum Wien. Was hier auf dem Tisch liegt, ist rund 30 Zentimeter groß, wiegt etwa fünf Kilogramm und sieht aus wie ein dunkles, knochiges Etwas im Stein – ein Schädel wie aus den Alien-Filmen. Alexander Lukeneder, Paläontologe und Kurator der mesozoischen Evertebraten-Sammlung, nennt das Stück deshalb gern „das Alien von Lunz am See“.
Wer genauer hinschaut, erkennt die Einzelteile: Kiefer- und Zahnplatten, dazu Knochenplatten und eine Augenhöhle. Es ist der Schädel eines Lungenfischs, vor mehr als hundert Jahren am Polzberg zwischen Gaming und Lunz am See gefunden und 233 Millionen Jahre alt. Neben den Dinosauriern, sagt Lukeneder, friste dieser Star der Sammlung ein Schattendasein – dabei ist er das Zeitdokument einer weltweiten Krise.
Zunächst erzählt der Fund allerdings von Evolution. Lungenfische atmen mit Lungen und mit Kiemen. Ihre Vorfahren lebten als reine Meerestiere. Über Jahrmillionen wanderten sie in der Wassersäule nach oben und eroberten das Süßwasser, ins Meer kehrten sie nicht zurück, beide Atmungsarten behielten sie. Wasser brauchen sie weiterhin, zur Abkühlung und zur Benetzung.
Die Zahnplatten sind auffällig: große Rillen, geschwungene Bögen, fast wie geriffelte Muscheln im Maul. Fachleuten genügen sie zur Bestimmung, auch wenn sonst nichts erhalten ist. Und sie verraten einen Allesfresser. Fische, Muscheln, Schnecken – dieses Tier knackt alles. Ein schneller Jäger ist es nicht, es sucht langsam den Grund nach Nahrung ab. Trocknet das Gewässer aus, gräbt es sich in Schlammgänge ein und kommt mit dem nächsten Regen wieder heraus. Die Kieferapparate sehen heute noch so aus wie vor 200 Millionen Jahren.
Für Österreich ist der Fund der beste seiner Art. Er zeigt, dass rund um das marine Reiflinger Becken bereits Land lag: eingeschwemmte Süßwasserkrebse, Pflanzen und eben ein Fisch, der wahrscheinlich in Flüssen lebte. Abgelagert wurde all das im Rahmen eines globalen Ereignisses, der karnischen Krise. Riesiger Vulkanismus in Nordamerika hinterließ Basaltdecken von tausenden Metern Mächtigkeit und setzte so viel CO2 frei, dass ein Treibhausklima entstand: Erwärmung, monsunartiger Regen, Schlamm und Sedimente, die in die Meeresbecken gespült wurden und die Organismen zudeckten. Weltweit starben Riffe und Flachwasserlebensräume ab, danach entstanden neue Ökosysteme – sauerstoffarme, abgeschnürte Becken, in deren fein laminierten Reingrabener Schichten Ammoniten, Schnecken, Muscheln, Krebse, Fische und Pflanzen überliefert sind.
Wir können also hier in Österreich bei Lunz am See den Finger auf die karnische Krise halten.
Zu sehen ist der Lungenfisch im Saal 8, gemeinsam mit den anderen Lebewesen aus der Gegend um Lunz am See. Ein Vulkanismus, der Kohlendioxid in die Atmosphäre pumpt, ein Klima, das kippt, Ökosysteme, die verschwinden: „wie wir das heute kennen“, sagt Lukeneder beiläufig. Das Alien im Stein ist damit weniger ein Kuriosum als ein Beleg dafür, dass sich Klimakrisen im Gestein ablesen lassen – lange nachdem alle Beteiligten ausgestorben sind.
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