Der Schädel passt in eine Hand, ungefähr so groß wie der eines Neugeborenen. Vorne fehlt einiges: der vordere Oberkiefer mit Schneide- und Eckzähnen, der rechte Jochbogen, die linke Hälfte des Unterkiefers. Über den Augenhöhlen aber sitzt Knochen, der erst vor wenigen Jahren dazukam – nach mehr als hundert Jahren und einem Umweg über Massachusetts.
Ursula Göhlich, Kuratorin für Wirbeltierpaläontologie am Naturhistorischen Museum Wien, ist für die ausgestorbenen Wirbeltiere zuständig, vom Fisch bis zum Säugetier. Das Stück in ihrer Hand gehört zu Hadropithecus, einem ausgestorbenen Lemuren von Madagaskar. Lemuren sind Feuchtnasenaffen, der Mensch gehört zu den Trockennasenaffen, und es gibt sie ausschließlich auf dieser Insel: Weil sich Madagaskar früh von Afrika abspaltete, entwickelte sich dort eine Fauna, die es sonst nirgends gibt.
Heutige Lemuren sind klein: Die leichtesten wiegen 30 Gramm, die schwersten höchstens zehn Kilo. Hadropithecus dagegen wurde mit 30 bis 40 Kilogramm rekonstruiert, lief vierbeinig am Boden und konnte sich, wie das Schultergelenk zeigt, nicht von Ast zu Ast hangeln. Die mikroskopisch kleinen Strukturen auf seinen Backenzähnen verraten, was er fraß: Gräser, vor allem Sukkulenten, Wurzeln und Zwiebeln – für einen Primaten untypische Kost. Vor rund 1500 Jahren starb er aus, als Menschen Madagaskar besiedelten und die Wälder rodeten – mit dem Wald brach der Lebensraum vieler Tiere zusammen.
Nach Wien kam der Schädel 1900, durch Ankauf. Verkäufer war Franz Sikora, ein Wiener Naturalienhändler, dem der Beruf des Pfeifenschneider-Gehilfen offenbar zu langweilig war. Er reiste nach Sardinien, in die Türkei und nach Madagaskar, sammelte Tiere und Pflanzen und verkaufte sie an Museen. An der Südspitze Madagaskars stieß er auf die Höhle Andrahomana, in deren Ablagerungen fossile Knochen lagen. Er grub und bot dem Museum an, was er fand: Lemuren, fossile Vögel, Tenreks, Raubtiere – und diesen Schädel.
2007 meldete sich der Anthropologe Alan Walker von der Pennsylvania State University bei Göhlich. Sein Projekt wollte Hadropithecus dreidimensional rekonstruieren und bat Museen weltweit, ihre Fragmente scannen zu lassen; offen war etwa das Gehirnvolumen. Ein CT gab es damals weder im Haus noch an der Universität; Göhlich fuhr mit einem Kollegen ins AKH. Ein halbes Jahr später kam eine E-Mail. In der Sammlung der Anthropologin Laurie Godfrey an der University of Massachusetts Amherst lagen zwei Knochenteile, die sich digital exakt in das Wiener Stück fügten: die oberen Begrenzungen der Augenhöhlen. Sikora hatte 1899 gegraben, das amerikanische Team 2003 – in derselben Höhle, wenige Meter daneben.
Göhlich bat um Abgüsse; nach dem Original hätte sie sich, sagt sie, nie zu fragen getraut. Godfrey schickte nach Rücksprache mit den Kolleg:innen in Madagaskar die Originale und überbrachte sie ein halbes Jahr später selbst. Die Präparatoren setzten sie ein, ohne einen Millimeter Spalt. „Augenbrauen-Transplantation“ nennt Göhlich das. Zu sehen ist er im Saal 9. Zusammengefügt hat ihn am Ende nicht die Grabung, sondern die Bereitschaft, Daten und Funde zu teilen.
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