Objekte
December 14, 2021
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NHM Wien

Kein Wurm, keine Schlange: Eiselts Blindwühle im Naturhistorischen Museum Wien

Sie sieht aus wie ein zu groß geratener Regenwurm und gilt als eines der skurrilsten Tiere der Welt: Georg Gassner erklärt, was hinter der Blindwühle im Naturhistorischen Museum Wien steckt.

Kein Wurm, keine Schlange: Eiselts Blindwühle im Naturhistorischen Museum Wien
Foto: Tobias von Anhalt, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

Ein zu groß geratener Regenwurm mit Streifen – so wirkt das Objekt auf den ersten Blick, und entsprechend gehen die meisten Besucher:innen daran vorbei. Vor ein paar Jahren meldete sich trotzdem die BBC im Naturhistorischen Museum Wien und bat um Fotos: Der Sender wollte die skurrilsten Tiere der Welt vorstellen.

Georg Gassner, Sammlungsmanager der Herpetologischen Sammlung am Naturhistorischen Museum Wien, kennt den Grund. In den Medien läuft das Tier als „Penis-Schlange“, weil seine faltige Haut einem menschlichen Körperteil ähnelt. Zoologisch stimmt daran wenig: Es ist keine Schlange, sondern ein Amphib, verwandt mit Fröschen, Molchen und Salamandern. Blindwühle heißt die Gruppe, oder – für Gassner treffender – Schleichenlurch. Das Wiener Stück ist der Typus einer Art, die Edward H. Taylor 1968 beschrieb und nach Josef Eiselt benannte, der die Herpetologische Sammlung des Hauses damals als Kurator betreute: Eiselts Blindwühle, wissenschaftlich Atretochoana eiselti.

Blind sind diese Tiere nicht wirklich: Ihre zum Teil von Haut überdeckten Augen unterscheiden meist nur hell und dunkel, wahrgenommen wird vor allem über den Geruch. Auch das Wühlen trifft nicht auf alle zu, manche Arten leben im Sumpf oder im Wasser. Der Großteil gräbt sich in tropischen und subtropischen Wäldern Amerikas, Afrikas und Asiens durch den Boden, auf der Suche nach Regenwürmern; in Australien fehlen sie ganz. Meist bleiben sie 20 bis 30 Zentimeter lang, im Süßwasser lebende Schwimmwühlen werden bis zu 1,30 Meter groß.

Weil sie unterirdisch leben, schwer zu beobachten und noch schwerer zu finden sind, gehören Blindwühlen zu den am wenigsten untersuchten Amphibien der Welt. Manche Arten sind lebendgebärend, andere legen Eier, bauen Bruthöhlen und bewachen sie. Bei einigen fressen die Jungtiere mit eigens ausgebildeten Zähnen die Haut der Mutter – zwei Monate lang ernähren sie sich von nichts anderem. Gassner sieht darin eine Parallele zu den Säugetieren, deren Milchdrüsen sich ebenfalls aus Hautdrüsen entwickelt haben.

Es ist jetzt nicht das Säugetier unter den Amphibien, das wäre vielleicht zu weit gegriffen. Aber es ist eine wirklich spektakuläre Art der Jungenaufzucht.

Auch die Färbung führte die Forschung in die Irre. Jungtiere sehen anders aus als ausgewachsene Tiere, oft bis zu zehn Jahre lang, und wurden deshalb als eigene Arten beschrieben; zeitweise gab es mehr Blindwühlenarten auf dem Papier als in der Natur. Wer aber zehn Jahre bis zum Farbwechsel braucht, wird alt: In der Literatur finden sich Hinweise auf bis zu 80 Jahre.

Selten sind Blindwühlen nicht unbedingt, sie werden nur selten gefunden – von den Seychellen sind Nachweise von mehreren Dutzend Tieren auf wenigen Quadratmetern bekannt. Von Eiselts Blindwühle dagegen tauchten vor rund zehn Jahren gerade einmal fünf Exemplare auf. Ein Tier, das wegen einer zufälligen Ähnlichkeit auf Listen der Kuriositäten landet, ist also vor allem eines: kaum erforscht.