Der Raum im zweiten Stock sieht nach wenig aus: ein paar Kästen, einige Regale. Darin stecken rund 40.000 Objekte – und diese Zahl ist nur geschätzt. Etwa 28.000 der Spinnentiere sind inventarisiert, der Rest folgt Schritt für Schritt. Arbeit für die nächsten 100 Jahre.
Christoph Hörweg, Kurator der Sammlung Arachnoidea am Naturhistorischen Museum Wien, betreut diese wissenschaftliche Sammlung hinter den Kulissen. Sein Beispiel dafür, was an Spinnentieren interessant ist, misst wenige Millimeter: die Spinne des Jahres 2021, der Zweihöcker-Spinnenfresser (Ero furcata).
Jahrestiere – Vogel, Amphib, Reptil, mittlerweile auch Baum und Pilz – sollen eine Art bekannt machen, oft weil sie oder ihr Lebensraum bedroht sind. Bei Spinnen kommt eine Hürde dazu: Beliebt sind sie nicht. Von den rund 49.000 Spinnenarten weltweit seien 20 bis maximal 30 für Menschen potenziell gefährlich, sagt Hörweg. In Österreich leben über 1000 Arten, und die gefährlichste davon ist mit einem Bienen- oder Wespenstich vergleichbar.
Das Tier selbst ist hellbraun und unauffällig: Männchen zweieinhalb bis drei Millimeter lang, Weibchen bis 4,8 Millimeter, mit schwarzer Zeichnung am Vorderkörper und kugelig aufgewölbtem Hinterleib, aus dem vorne die beiden namengebenden Höcker ragen. Zu finden ist die Art in naturnahen Wäldern, in der Bodenstreue und an Waldrändern, bis auf 1500 Meter Höhe. Tagsüber bleibt sie unter Zweigen und Laub versteckt.
Der zweite Teil des Namens ist wörtlich zu nehmen: Diese Spinne frisst andere Spinnen, während die meisten Arten Insekten jagen. Ein eigenes Netz baut sie nicht. In der Dämmerung nähert sie sich einem fremden – meist dem einer Kugelspinne – und nutzt aus, dass Netzspinnen an den Vibrationen erkennen, ob sich Beute oder ein Feind nähert.
Sie kann wirklich ein Beutetier vortäuschen, mit ihrem Zupfen an den Vibrationen.
Die Netzinhaberin sitzt meist nicht mitten im Netz, sondern am Rand, kommt aus ihrem Versteck – und trifft auf den Spinnenfresser. Der ist schnell, seine Vorderbeine sind etwas länger, er beißt zu und saugt die andere Spinne aus. Im Englischen heißt die Familie der Spinnenfresser deshalb pirate spiders.
Fast ebenso bemerkenswert ist ihr Eisack. Spinnen stellen unterschiedliche Seidentypen her, von tragenden Rahmenfäden bis zum klebrigen Spiralfaden im Radnetz; für den Kokon entsteht eine watteweiche Variante, dazu eine festere Hülle und außen ein wollartiger Überzug. Aufgehängt wird er an einem dünnen, sehr stabilen Faden unter Felsvorsprüngen oder Blättern, damit Eiräuber nicht herankommen. Der tropfenförmige Kokon misst nur etwa vier Millimeter, hängt aber frei – und ist leichter zu entdecken als die Spinne selbst.
Im Museum war eine eigene Vitrine dazu gerade in Vorbereitung. Hörwegs eigentlicher Vorschlag führt aber hinaus: entschleunigen, genauer schauen, sich hineinversetzen, wie ein Tier mit acht Beinen sich fortbewegt oder ein Netz baut. Wer beim nächsten Spaziergang an einer Felsspalte einen kleinen Tropfen aus Seide bemerkt, hat den Trick schon zur Hälfte durchschaut.
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