Deep Dive
March 12, 2025
|
NHM Wien

Archiv der Zukunft: ein Film über 30 Millionen Objekte im Naturhistorischen Museum Wien

In einem Gespräch mit dem Filmemacher Jörg Burger und Katrin Vohland, der Generaldirektorin des Naturhistorischen Museums Wien, ging es um nichts Geringeres als die Ordnung der Natur – und um die Frage, wie man die schiere Vielfalt eines Ortes wie dem NHM auf die Kinoleinwand bringen kann.

Archiv der Zukunft: ein Film über 30 Millionen Objekte im Naturhistorischen Museum Wien

In einem Gespräch mit dem Filmemacher Jörg Burger und Katrin Vohland, der Generaldirektorin des Naturhistorischen Museums Wien, ging es um nichts Geringeres als die Ordnung der Natur – und um die Frage, wie man die schiere Vielfalt eines Ortes, wie dem Naturhistorischen Museum Wien, auf die Kinoleinwand bringen kann. Denn Jörg Burger hat genau das gewagt: Sein Film Archiv der Zukunft öffnet Türen, die Besuchern normalerweise verschlossen bleiben, und erzählt Geschichten, die irgendwo zwischen Staunen, Wissenschaft und einem Hauch von Weltschmerz angesiedelt sind. Ein Gespräch, das neugierig macht – und Lust darauf, diesen Film zu sehen.

Ein Museum voller Leben – und Lebewesen

Es beginnt mit einem Bild, das man nicht mehr loswird: Schubladen voller präparierter Vögel, Regale mit Gläsern, in denen Reptilien schwimmen, und eine riesige Giraffe, die auf einer prächtigen Treppe majestätisch transportiert wird. Der Film zeigt uns, dass das Naturhistorische Museum in Wien mehr ist als ein Sammelsurium ausgestopfter Tiere – es ist ein lebendiger Forschungsraum. Hinter den Kulissen arbeiten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler daran, 30 Millionen Objekte zu sortieren, zu verstehen und mit neuen Technologien zu analysieren. Ja, auch ein 3D-Drucker hat hier seinen Platz, direkt neben den Schränken, die nach Holzpolitur und Geschichte duften.

Die Kamera von Jörg Burger bewegt sich durch das Gebäude, als würde sie das Museum selbst befragen: Wie bringt man Ordnung in die chaotische Vielfalt der Natur? Und was sagt das über uns Menschen aus? Zwischen den Details der Präparation und der DNA-Analyse blitzt immer wieder eine existenzielle Frage auf: Sind wir wirklich die „Krone der Schöpfung“ oder nur ein weiteres Kapitel in einem Buch, das Tiere, Pflanzen und Gesteine gleichermaßen erzählen? Der Film wagt es, diesen Gedanken humorvoll, aber auch melancholisch zu durchleuchten.

Vohland beantwortet die Frage entschieden: Kraken, Muscheln und alles, was heute noch lebt, hat sich in der Evolution durchgesetzt – erfolgreich waren sie alle, weil es sie noch gibt. Unter Druck geraten sie erst durch den Menschen, der Fläche und Ressourcen in einem kaum noch verträglichen Ausmaß beansprucht. Über dem Portal des Hauses steht „dem Reiche der Natur und seine Erforschung“ – darin sieht Vohland den Auftrag.

Zwischen Weltschmerz und Staunen

Besonders bewegend ist die Gegenüberstellung von Forschung und Verlust. Während wir versuchen, Arten zu dokumentieren und Zusammenhänge zu verstehen, wird klar, wie viel von dem, was untersucht wird, bereits verschwunden ist – ein Gedanke, der traurig macht.

Elegisch ist der Titel dennoch nicht gemeint. Das Archiv ist nach Vohland für die künftige Forschung da: Schädelknochen etwa geben ihre DNA nur schwer preis und bleiben liegen, bis die Methoden besser sind. Burger trieb eine einzige Frage durch das Haus – wie es vom Einzeller zu Mozart kommt. Die Antwort lautete: Millionen Jahre.

Der Film verändert den Blick aufs Museum

Archiv der Zukunft ist keine trockene Abhandlung. Es ist ein Liebesbrief an die Wissenschaft und an das, was wir nicht wissen. Die Gespräche mit Katrin Vohland und die Bilder, die Burger einfängt, machen klar: Hier geht es nicht nur um Objekte, sondern um Geschichten. Geschichten, die uns staunen lassen, die uns zum Lachen bringen und manchmal auch einen Hauch von Trauer hinterlassen. Aber vor allem laden sie dazu ein, mehr über die Welt und unsere Rolle in ihr nachzudenken.

Wer diesen Film sieht, wird das Naturhistorische Museum mit anderen Augen betreten. Und vielleicht auch mit dem Bedürfnis, nicht nur die großen Giraffen, sondern auch die winzigen Mäusezähne genauer anzusehen. Denn eines macht Archiv der Zukunft klar: Die spannendsten Geschichten erzählt die Natur selbst.