In der Jubiläumsausstellung des Naturhistorischen Museums Wien steht ein Computerspiel. Es sieht aus wie ein Shooter aus den Neunzigern, man schlüpft in die Rolle von Erzherzog Franz Ferdinand und versucht, seinen Highscore zu brechen. Der Highscore ist echt: Nach seinen erhaltenen Abschusslisten erlegte der Thronfolger im Lauf seines Lebens 274.889 Tiere, allein 1911 waren es 18.799 – im Schnitt mehr als fünfzig pro Tag.
Das Spiel ist kein Gag, sondern eine Zumutung mit Absicht. Es steht für die Frage, um die sich „Gutes Sammeln – Böses Sammeln“ dreht: Wie ist all das eigentlich ins Haus gekommen? Anna E. Weinmann, Kuratorin der Mikropaläontologischen Sammlung am Naturhistorischen Museum Wien und Ko-Kuratorin der Schau, ist für die allerkleinsten Objekte zuständig – für alles, wofür man ein Mikroskop braucht. Für die Ausstellung hat sie sich mit den größten Fragen des Hauses befasst.
Der Anlass ist ein runder Geburtstag. Am 29. April 1876 unterschrieb Kaiser Franz Joseph I. jenes Dokument, das aus einer kaiserlichen Sammlung eine Institution machte. Die Sammlung selbst ist deutlich älter: Ihren Grundstock erwarb Mitte des 18. Jahrhunderts Franz Stephan von Lothringen, rund 300.000 Objekte von einem Naturalienhändler, der anschließend der erste Kustos wurde. Untergebracht war das alles in der Hofburg, wo der Kaiser täglich Zeit verbrachte und selbst Experimente anstellte. Nach seinem Tod überführte Maria Theresia die Sammlung in Staatseigentum, machte sie zugänglich und ließ sie durch den Naturforscher Ignaz von Born katalogisieren. Ein Kuriositätenkabinett war sie damit schon damals nicht mehr. Heute umfasst das Haus geschätzte 30 Millionen Objekte.
Ein Jubiläum, das keine Jubelschau werden sollte
150 Jahre wären ein guter Anlass gewesen, die schönsten Stücke zu zeigen. Das Kuratorinnenteam entschied sich dagegen. Nach Weinmanns Kenntnis gibt es keine vergleichbare Ausstellung, in der ein Museum seine eigene Sammlungsgeschichte so dezidiert auseinandernimmt – einzelne Objekte und Erwerbungen ja, aber nicht das ganze Haus. Bequem war das nicht.
„Das Objekt selber ist ja nicht böse, es hat erst mal keine Wertung. Es ist immer die Geschichte dahinter: Wie wurde es gesammelt, und was gibt es da für einen Kontext?“
Am deutlichsten wird das dort, wo hinter den Objekten Menschen stehen. In der NS-Zeit kamen Sammlungen ans Museum, weil Jüdinnen und Juden sie verkaufen mussten – nicht vom Haus gezwungen, aber in Zwangslagen: Sie hatten ihre Arbeit verloren, sie wollten ihre Flucht finanzieren. In der Ausstellung werden Einträge aus den Dossiers vorgelesen, die nach dem Kunstrückgabegesetz zu diesen Erwerbungen angelegt wurden. Sie enden oft gleich: Die Person gab ihre Objekte ab und wurde später auf der Flucht aufgegriffen oder deportiert, viele starben in den Konzentrationslagern. Wissenschaftlich sind diese Stücke selten spektakulär. Durch ihre Geschichte bekommen sie eine andere Dimension.
Ein zweiter Strang führt in die Expeditionen des 19. Jahrhunderts. Auch Ferdinand von Hochstetter, erster Direktor des Hauses und bis heute ein hoch angesehener Wissenschaftler, sammelte menschliche Überreste in Neuseeland und anderswo. Weinmann ordnet das ein, ohne es zu entschuldigen: Solche Praktiken waren damals nicht unüblich, man machte sich diese Gedanken schlicht nicht. Heute stellt das Museum keine menschlichen Überreste aus, in den Schauräumen sind nur Repliken zu sehen. Die anthropologische Abteilung erforscht mit Kooperationspartnern die Herkunftsgeschichten; Delegationen aus Hawaii und Neuseeland haben Überreste bereits zurückerhalten und vor Ort bestattet.
Was gutes Sammeln heute heißt
Derselbe Hochstetter sorgte dafür, dass die Schauräume der Evolution folgen: von den Mineralien über die Erdgeschichte zu den zoologischen Sälen. In einer katholisch geprägten Monarchie war das ein junger Gedanke, und die Aufstellung gilt bis heute. Der Graubereich ist also nicht die Ausnahme: dieselben Leute, dieselbe Zeit, fortschrittlich und fragwürdig zugleich.
Gutes Sammeln, sagt Weinmann, sei bewusstes Sammeln. Wer etwas mitnimmt, nimmt es der Natur weg, und manchmal hat das Folgen. Das Museum nimmt Objekte nur an, wenn sich ihre Herkunft einwandfrei belegen lässt – auch Geschenke. Seit 2014 regelt das Nagoya-Protokoll den Zugang zu genetischen Ressourcen: Wer im Ausland sammelt, arbeitet mit dem Herkunftsland und dessen Wissenschaftler:innen zusammen, statt Material mitzunehmen, es zu beforschen und zu veröffentlichen, während das Herkunftsland leer ausgeht. Vieles kommt inzwischen vom Zoll, eingesammelt oder auf Märkten gekauft von Reisenden, die nicht wussten, dass die Ausfuhr verboten ist.
Ausgestellt ist davon ohnehin fast nichts: Nicht einmal ein Prozent der 30 Millionen Objekte ist zu sehen, der Rest lagert im Haus, seit den 1990er-Jahren auch vier Stockwerke tief unter der Erde. Die Kurator:innen sitzen zwischen Regalen und Kompaktusanlagen, und keine und keiner weiß hundertprozentig, was in der eigenen Sammlung steckt. Manchmal öffnet jemand eine Lade, und darin liegt etwas, das nirgends verzeichnet ist. Ein Museum, das sich selbst noch entdeckt, hat gute Gründe, genau hinzusehen, wie die Dinge zu ihm gekommen sind.
„Gutes Sammeln – Böses Sammeln. 150 Jahre Naturhistorisches Museum Wien“ ist noch bis 27. Juni 2027 im Naturhistorischen Museum Wien zu sehen. Die Szenografie stammt vom Designbüro breadedEscalope und Benedikt Haid.
Shownotes
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