Er war der Superstar der Biologie um die Jahrhundertwende – und starb durch eigene Hand, nachdem ihm Fälschung vorgeworfen wurde. Die Geschichte des österreichischen Biologen Paul Kammerer (1880–1926) ist ein Wissenschaftskriminalfall, der bis heute nicht vollständig gelöst ist. Klaus Taschwer, Wissenschaftsjournalist beim Standard und Autor des Buchs „Der Fall Paul Kammerer“, hat in jahrelangen Archivrecherchen neue Spuren entdeckt, die ein anderes Licht auf diese tragische Gestalt werfen.
Kammerer war zu seinen Lebzeiten einer der bekanntesten Biologen weltweit. Die New York Times bezeichnete ihn als „zweiten Darwin“, seine Arbeiten wurden von Sydney bis Moskau diskutiert. Sein Forschungsgebiet: die Vererbung erworbener Eigenschaften. Mit Experimenten an Feuersalamandern und Geburtshelferkröten wollte er beweisen, dass Umweltbedingungen nicht nur das Verhalten von Tieren beeinflussen, sondern auch deren körperliche Merkmale – und dass sich diese Veränderungen auf nachfolgende Generationen übertragen.
1926 reiste der amerikanische Biologe Gladwyn Kingsley Noble vom American Museum of Natural History nach Wien, um Kammerers berühmtestes Präparat zu untersuchen: eine Geburtshelferkröte, die angeblich durch veränderte Umweltbedingungen Brunftschwielen entwickelt hatte – der Beweis für seine These. Noble entdeckte, dass die dunklen Flecken an den Extremitäten des Tieres mit Tusche gefälscht waren. Wenige Wochen nach dieser Enthüllung nahm sich Kammerer am Schneeberg das Leben.
Die Frage, wer der wahre Fälscher war, beschäftigte Generationen von Wissenschaftshistoriker:innen. Taschwer glaubt, eine neue Antwort gefunden zu haben: Seine Recherchen führten ihn zu einem antisemitischen Professorennetzwerk an der Universität Wien, das unter dem Namen „Bärenhöhle“ bekannt war. An seiner Spitze stand der Paläobiologe Othenio Abel, ein ausgesprochener Antisemit, der 1932/33 als Rektor die Universität leitete und später der NSDAP beitrat.
Erst dieser Kontext macht die politische Dimension des Falls verständlich. Kammerers Theorien passten zur Ideologie der jungen Sowjetunion: Wenn Lebewesen durch Umweltveränderungen formbar wären, ließe sich auch der „neue Mensch“ schaffen. Kurz vor seinem Tod hatte Kammerer eine Professur an der kommunistischen Akademie der Wissenschaften erhalten. Für die antisemitischen Kreise in Wien war er damit doppelt verdächtig – als vermeintlicher Jude und als Kommunist.
Taschwer fand Belege dafür, dass Abel und Noble in Kontakt standen: Abel hatte das American Museum of Natural History besucht, Noble verbrachte „wunderschöne Tage“ bei Abel in Wien. Die Korrespondenz zwischen beiden ist allerdings verschwunden. Eine „Smoking Gun“ für seine These fehlt damit, doch die Indizien sprechen für eine gezielte Intrige gegen den unbequemen Biologen.
Jenseits des Kriminalfalls war Kammerer eine schillernde Persönlichkeit der Wiener Moderne. Er verkehrte im Kreis der Secession, hatte Affären mit prominenten Frauen – darunter die uneheliche Tochter Kaiser Franz Josephs und die Tänzerin Grete Wiesenthal. Als Achtzehnjähriger hielt er bereits 200 verschiedene Tierarten in der elterlichen Wohnung, unter ihnen ein Nilkrokodil. Seine Leidenschaft für spektakuläre Experimente machte ihn zum Medienstar, aber auch zu einer umstrittenen Figur.
Heute erlebt Kammerer eine Art wissenschaftliche Rehabilitation. Vor dem Hintergrund der modernen Epigenetik erscheinen seine Ideen zur Bedeutung von Umweltfaktoren für die Vererbung in neuem Licht. Ob seine konkreten Experimente jedoch jemals das bewiesen haben, was er behauptete, bleibt fraglich. Die aufwendigen Langzeitversuche konnten bislang nicht reproduziert werden.
Bild: Hanser Verlag
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