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March 23, 2026
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NHM Wien

Der Fall Paul Kammerer: eine gefälschte Kröte und ein antisemitisches Professorennetzwerk

Mit achtzehn hielt Paul Kammerer 200 Tierarten in der elterlichen Wohnung, später hing seine ganze Theorie an einer einzigen Kröte. Wir haben mit dem Wissenschaftsjournalisten Klaus Taschwer über den berühmtesten Fälschungsfall der Biologie gesprochen – und über eine Spur, die in ein antisemitisches Professorennetzwerk führt.

Der Fall Paul Kammerer: eine gefälschte Kröte und ein antisemitisches Professorennetzwerk
Bild: Hanser Verlag

Als Paul Kammerer maturierte, berichtete eine Wiener Zeitung über seine Tiersammlung. Der Achtzehnjährige hielt in der Wohnung seiner Eltern 200 Tierarten, darunter ein Nilkrokodil, und die Apparaturen, die tropische Tiere in Wien am Leben halten, hatte er selbst gebaut. Seit dem Gymnasium war er in Terrarienvereinen aktiv, später schrieb er Lehrbücher über Terrarienkunde. Wer seine Geschichte verstehen will, muss hier anfangen: Kammerer konnte Tiere über Jahre unter Bedingungen halten, unter denen sie bei allen anderen starben.

Das brauchte er, denn seine Frage verlangte lange Versuche. Um 1900 stritt die Biologie darüber, wie neue Arten entstehen. Reicht die Selektion, wie Darwin sie beschrieben hatte? Oder formt die Umwelt ein Lebewesen – und gibt das Lebewesen das Geformte weiter? Kammerer, eigentlich ein Verehrer Darwins, glaubte aber an Zweiteres und wollte es als Erster im Labor beweisen. Neolamarckismus hieß diese Richtung. Dazu hielt er zum Beispiel Feuersalamander auf gelblicher Erde und beobachtete, ob sie dadurch größere gelbe Flecken bekamen, die sie dann ihren Nachkommen vererbten. Klaus Taschwer, Wissenschaftsjournalist beim Standard, der Paul Kammerer und seinem Kriminalfall ein Buch gewidmet hat, nennt ihn den letzten und wichtigsten Biologen, der die Vererbung erworbener Eigenschaften experimentell zu belegen versuchte.

Dass diese Frage weit über die Zoologie hinaus zählte, lag an der Zeit. Rund um den Ersten Weltkrieg standen sich zwei Lager gegenüber. Die junge Genetik beschrieb, was von den Vorfahren kommt und sich nicht ändern lässt; auf ihr baute die Rassenhygiene auf. Kammerers Seite sagte: Alles ist veränderbar. Verbessert man die Lebensbedingungen, verbessert sich der Mensch. Das interessierte die Sowjetunion, die einen neuen Menschen schaffen wollte, und machte Kammerer deswegen dort zum Star. Aber auch im Westen bekam er viel Aufmerksamkeit. Die New York Times handelte ihn gar als zweiten Darwin.

Warum ausgerechnet eine Kröte

Über Salamanderflecken lässt sich streiten. Kammerer brauchte ein Merkmal, das eindeutig fehlt und dann eindeutig da ist. Die Geburtshelferkröte lieferte es. Sie paart sich als einzige Kröte an Land, das Männchen trägt die Eier auf dem Rücken, daher der Name. Weil sie nie ins Wasser muss, fehlen ihren Männchen die Brunftschwielen – jene rauen Polster, mit denen sich andere Froschlurche bei der Paarung im Wasser am Weibchen festhalten. Zwingt man die Kröte ins Wasser und wachsen ihr Schwielen, und haben auch ihre Nachkommen welche, ohne dass man sie dazu zwingt, dann hat die Umwelt in die Vererbung geschrieben. Genau das gelang Kammerer nach eigener Darstellung: Er heizte die Terrarien, die Tiere flohen ins Wasser, und die Männchen bekamen Schwielen, Generation für Generation.

Das Spektakuläre daran: Die ganze Theorie hing an einem einzigen Präparat. Über dieses eine Krötenmännchen erschienen in der Fachzeitschrift Nature mehr als 30 Texte. Nachprüfen konnte es niemand, denn die Zuchtreihen dauern mindestens fünf Jahre, und die Tiere sterben unter den Bedingungen, die der Versuch verlangt. Kammerer nahm das Glas mit auf eine Vortragsreise nach England und zeigte es seinen erbittertsten Gegnern. Sie untersuchten es genau und fanden nichts. Bis in den Jänner 1926 galt das Experiment als unwiderlegt.

Dann reiste Gladwyn Kingsley Noble, ein junger Herpetologe des American Museum of Natural History, eigens nach Wien und nahm das Präparat in der Biologischen Versuchsanstalt im Prater unter das Mikroskop. Was er fand, waren keine Schwielen: Er fand Tusche, die unter die Haut gespritzt wurde. Sein Befund erschien im August in Nature. Im September nahm sich Kammerer in Puchberg am Schneeberg das Leben. Nachrufe erschienen von Sydney bis Moskau. Der sowjetische Volkskommissar für Bildung, Anatoli Lunatscharski, hatte sechs Wochen später ein siebenaktiges Drama über den Fall fertig; 1928 wurde daraus der Stummfilm Salamandra.

Die Bärenhöhle

Wer die Tusche gespritzt hat, ist bis heute nicht bewiesen. Den ersten Hinweis lieferte 1971 der Schriftsteller Arthur Koestler. Für sein Buch Der Krötenküsser ließ er zwei Biologen testen, was mit Tusche in einem Präparat passiert: Sie zerrinnt binnen Wochen. Gefälscht wurde also kurz vor Nobles Ankunft, von jemandem, der von ihr wusste. Koestler verdächtigte die Briten und kam nicht weiter.

Taschwer gab Koestlers Buch 2010 auf Deutsch neu heraus und ließ die Frage nicht los. Er besuchte zwei Dutzend Archive, das American Museum in New York, den Koestler-Nachlass in Edinburgh. Dabei stieß er auf eine Professorenclique an der Universität Wien, die in keiner Literatur vorkam und sich Bärenhöhle nannte. Gegründet hatte sie Anfang der 1920er-Jahre der Paläobiologe Othenio Abel, Antikommunist und ausgesprochener Antisemit. Fünfzehn bis achtzehn Professoren blockierten Habilitationen jüdischer Wissenschaftler, immer mit anderen Begründungen. Abel hatte Kammerer schon 1918 den Professorentitel verweigert.

Am letzten Tag in Edinburgh fand Taschwer den Brief. Ein Mediziner aus Kalifornien, der einst an der Versuchsanstalt gearbeitet hatte, schrieb Koestler, wen man damals im Haus verdächtigt habe: Abel. Koestler winkte ab – der sei doch erst viel später Nazi geworden – und legte den Brief zu den Akten. Taschwer kann aber belegen, dass die Bärenhöhle 1926 längst bestand. Und er fand mehr. Abel war wenige Monate vor Nobles Wienreise in New York gewesen und bedankte sich in seinem Reisebuch bei Noble. Noble berichtete seinem Direktor von wunderschönen Tagen bei Abel in Wien. Der Briefwechsel der beiden ist verschwunden; Abels Nachlass liegt bei der Familie, die niemanden hineinschauen lässt. Und Hans Przibram, der Gründer der Versuchsanstalt in der Kammerer tätig war, wusste laut der Biografie seines Bruders, wer der Fälscher war. „Weil er so ein Gentleman war, hat er das nie öffentlich gemacht.“

Dass Kammerer selbst gefälscht hat, glaubt Taschwer nicht. Er hinterließ sechs oder sieben Abschiedsbriefe: „Er hätte darin sagen können: Tut mir leid, es ist mir passiert.“ Er hat es nicht getan. Ein sauberer Experimentator war er trotzdem nicht. Kollegen berichteten, er habe es mit den Salamandern nicht so genau genommen, und in Spanien fand man später Geburtshelferkröten, die sich ohnehin im Wasser paaren. Immerhin zeigte Karl von Frisch, der spätere Nobelpreisträger, dass sich die Salamanderfärbung in der ersten Generation tatsächlich mit dem Boden ändert. Und seit die Epigenetik erklärt, wie Umwelt doch weitergegeben wird, wird Kammerer wieder gelesen.

Was bleibt, ist ein filmreifer Kriminalfall. Würde man das erfinden, sagt Taschwer, bekäme man als Autor vorgehalten, einem sei die Fantasie durchgegangen. In Wien um 1900 war es möglich. Briefe aus Kammerers Nachlass liegen heute im Naturhistorischen Museum Wien.