In der Kuppelhalle läuft ein Fries um den Raum, und darin hält ein Affe einem Menschen einen Spiegel vor. Der Mensch bedeckt die Augen. Hinter dem Affen sitzt ein zweiter mit einem aufgeschlagenen Buch: Darwin, „Die Abstammung des Menschen“. Heute nehmen die meisten Besucher:innen das als Dekor wahr. Gemeint war es als Konfrontation.
Stefanie Jovanovic-Kruspel ist Kunsthistorikerin und forscht seit vielen Jahren am Naturhistorischen Museum Wien – ein Exotenstatus in einem Haus voller Naturwissenschaftler:innen, der sie geradezu dafür prädestiniert, in den Grenzbereich zwischen Wissenschaft und Kunst zu schauen. Ihr Thema ist die Baugeschichte des Hauses und dessen Bildprogramm. Sie selbst nennt sich die Miss Marple der Architekturgeschichte des Museums.
Das Haus wurde 1871 begonnen und 1889 eröffnet, als Teil jener Ringstraßenanlage, die Kaiser Franz Joseph 1857 angestoßen hatte. Zwei gleichwertige Museen, ein kunsthistorisches und ein naturhistorisches, als Zwillingsbauten im Machtbezirk des Reiches: Das war ungewöhnlich. Anderswo in Europa entstanden naturwissenschaftliche Museen in der Peripherie, bei botanischen Gärten, Universitäten oder auf Industriegelände. Von außen sind die beiden Wiener Bauten kaum zu unterscheiden; erst die Figuren auf den Kuppeln verraten es – hier Helios, gegenüber Pallas Athene.
Ein Evolutionsmuseum, das seine Erzählung verlor
Die Sammlung ist viel älter als der Bau. Um 1750 kaufte Franz Stephan von Lothringen, der Mann Maria Theresias, die damals größte Naturaliensammlung an und holte auch ihren Besitzer, Johann Ritter von Baillou, nach Wien. Franz Stephan betrieb sie als Privatvergnügen; erst Maria Theresia öffnete sie nach seinem Tod für das Publikum und ließ sie wissenschaftlich neu ordnen, unter anderem durch den Mineralogen Ignaz von Born. Der Hintergedanke war praktisch: Wer erzhaltiges Gestein erkennt, kann in den Erblanden den Bergbau voranbringen.
Der Neubau an der Ringstraße verfolgte einen kühneren Plan. Ferdinand von Hochstetter, der erste Direktor, bekannte sich schon 1861 öffentlich zu Darwin – zu einer Zeit, als das eine Laufbahn kosten konnte; sein Freund Gustav Jäger verlor darüber die universitäre Karriere. Hochstetter blieb trotzdem im Nahverhältnis zum Kaiserhaus, unterrichtete Kronprinz Rudolf und konzipierte ein Museum, das den Menschen radikal in die Naturgeschichte eingliederte. Erzählt wird diese Entwicklung aber nirgends in den Vitrinen, sondern nur in den Bildern: über dem Stiegenhaus etwa im Gemälde vom Kreislauf des Lebens, dem Kampf ums Dasein, dem hier nicht Tiere unterworfen sind, sondern der Mensch.
Von dieser Konzeption ist wenig übrig. Die ethnografischen Sammlungen füllten bei der Eröffnung fast ein Drittel des Hochparterres; 1927 übersiedelten sie in das heutige Weltmuseum. Zurück blieben Säle, deren Dekoration von etwas erzählt, das nicht mehr da ist. Dieselbe Arbeit an den Lücken betrifft die Herkunft der Bestände: Human Remains wurden nach Neuseeland zurückgegeben, die neuseeländischen Tagebücher Hochstetters werden neu gelesen, auch auf jene indigenen Begleiter hin, ohne die er weder die Landstriche noch die Moa-Knochen gefunden hätte.
„Geschichte ist nicht statisch. Das, was wir fragen, bestimmt das, was wir als Antwort bekommen.“
Die Frauen, die niemand fotografiert hat
Gemeinsam mit Kolleginnen hat Jovanovic-Kruspel den Band „13 Frauen. Aus der Geschichte des NHM Wien“ herausgegeben – nicht nur über Forscherinnen und Mäzeninnen, sondern auch über Präparatorinnen, Kanzlistinnen, Hilfskräfte und Reinigungsfrauen. Marginalisierungsgeschichte, sagt sie, ist immer auch Sozialgeschichte. Von der ersten Säugetierpräparatorin des Hauses ist bis heute nur ein Initial bekannt: M. Richter. Wo Bilder fehlten, arbeitet der Band mit Comics, wo in den Quellen nur Zwischentöne standen, mit poetischen Texten.
Am genauesten lässt sich das an einem Gemälde zeigen. Im ehemaligen Kaisersaal hängen Bilder, die alle den Bauherrn ehren: Fjord, Gletscher und Land, die den Namen von Franz Joseph tragen, lauter Kältemotive aus der Zeit der österreichisch-ungarischen Nordpolexpedition. Eines fällt heraus, eine dalmatinische Küstenlandschaft mit Palmen, signiert mit „Leo von Littrow“. Dahinter steht Leontine von Littrow, die einzige Frau, die in diesem Haus einen künstlerischen Auftrag erhielt. Unter dem männlich klingenden Rufnamen schickte sie ihre Bilder an die großen Kunstsalöns, ohne dass jemand nachfragte – zu einer Zeit, in der Frauen an der Akademie der bildenden Künste nicht studieren durften.
Warum Dalmatien? Ihr Vater Heinrich von Littrow war mit Carl Weyprecht befreundet, der die Nordpolexpedition gemeinsam mit Julius von Payer leitete, und riet ihm, statt nordischer Seeleute dalmatinische Matrosen anzuheuern. Weyprecht tat es; die Mannschaft hielt bis zuletzt zu ihm. Jovanovic-Kruspels Hypothese: Eine Malerin, die unter männlichem Namen arbeiten musste, hat den namenlosen Männern dieser Expedition ein Denkmal gesetzt.
Bleibt die Frage, was von der Gegenwart überliefert wird. Hochstetters Forschungstagebücher liegen im Haus, Korrespondenzen des 20. Jahrhunderts in Ordnern – die E-Mails derer, die heute in Pension gehen, verschwinden. Ein Museum, das seine eigenen Lücken kennt, weiß auch, wo die nächsten entstehen.
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