Die Selfie-Besessenheit ist kein Kind des digitalen Zeitalters. Diese Form der Selbstdarstellung stammt aus dem 19. Jahrhundert, sie wurde seither nur weiterentwickelt. Damals sorgte die sogenannte Visitkarten-Fotografie für einen Hype, der sich mit Instagram und TikTok vergleichen lässt: Selbst Schmetterlingsforscher posierten mit breitkrempigen Hüten und Fangnetzen um die Wette, als ginge es um die meisten Likes. Stefanie Jovanovic-Kruspel, Historikerin am Naturhistorischen Museum Wien, führt durch diese Welt. Sie zeigt, wie die kleinen, handlichen Bilder zum Facebook ihrer Zeit avancierten – nur mit mehr Haltung, im wahrsten Sinne des Wortes.
Ein Boom, der in Paris begann
1854 kam die Visitkarten-Fotografie in Paris auf: Der Fotograf André-Adolphe-Eugène Disdéri belichtete mehrere Aufnahmen auf einer einzigen Platte. Plötzlich konnte sich fast jede und jeder zu erschwinglichen Preisen verewigen – von Monarchen bis zu Schmetterlingsjägern. In England schossen die Produktionszahlen in die Höhe: Zwischen 1860 und 1867 entstanden dort jährlich 300 bis 400 Millionen solcher Bilder. Auch in Wien sprach man von einer „Visitkartenepidemie“, die die Menschen in die Fotostudios strömen ließ.
Ein Foto war damals kein spontaner Schnappschuss. Die Belichtungszeiten waren lang, das Stillhalten eine Herausforderung. Gegen das Verwackeln halfen Halteapparate – Metallkonstruktionen, die die Fotografierten buchstäblich in Form hielten. Auf manchen Bildern sind die Eisenfüße dieser Vorrichtungen noch zu erkennen, weil die spätere Retusche sie nur unzureichend verbarg. Ein Lächeln? Lieber nicht. Die Pose musste würdevoll sein, das Outfit makellos – Influencer-Ästhetik avant la lettre.
Die Visitkarten waren nicht nur schicke Andenken, sondern ein Werkzeug zum Netzwerken. Man verteilte sie bei gesellschaftlichen Anlässen, übergab sie den Gastgeber:innen oder sammelte sie in aufwendigen Fotoalben. Kaiserin Sisi soll 18 solcher Alben besessen haben – voll mit Bildern schöner Frauen, die ihr offenbar als Stilvorbilder dienten. Die Influencer:innen jener Jahrzehnte waren keine Netzgrößen, sondern elegante Damen in Korsagen und Hüten.

Im Rampenlicht ihrer Zeit
Die Schmetterlingsforscher des 19. Jahrhunderts gehörten zu den Ersten, die die neuen Möglichkeiten der Visitkarten-Fotografie nutzten. Sie inszenierten sich mit Fangnetzen, Sammelbüchsen und manchmal sogar vor künstlichen Landschaften, um ihre Rolle als Entdecker und Naturforscher zu betonen. Selbstverständlich war das nicht – die Wissenschaft als Beruf entstand gerade erst. Ihre Porträts sind deshalb mehr als persönliche Erinnerungen: Sie zeigen früh, wie eine Gemeinschaft ihre Identität visuell gestaltet und nach außen trägt. Schon damals war diesen Forschern klar, wie viel Bilder zur eigenen Sichtbarkeit beitragen – womit sie zu Vorläufern der visuellen Wissenschaftskommunikation wurden.
Ein Wunsch für die Selfie-Generation
Was bleibt von diesem Ausflug in die Vergangenheit? Die Erkenntnis, dass auch die Selfies von heute eines Tages historische Dokumente sein werden. Jovanovic-Kruspel formuliert es so: „Zeigt euch mit Dingen, die euch wirklich wichtig sind!“ Ein Plädoyer für Selfies ohne Filter, dafür mit Herz.
Das 19. Jahrhundert hatte also sein Facebook. Die Likes lagen in Lederalben, und wer keine Visitkarte besaß, blieb unsichtbar. So weit weg von heute ist das nicht – nur eben ohne WLAN.
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