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April 28, 2026
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Bioarchäologie: Die Wahrheit liegt in den Knochen

War früher alles besser? Bioarchäologin Michaela Binder findet in Skeletten das Gegenteil: Spuren von Mangel, Schwerarbeit und Krankheit – bis hin zu einem rund 3000 Jahre alten Krebsbefund aus dem Sudan.

Bioarchäologie: Die Wahrheit liegt in den Knochen
Bild: Novetus

Wer behauptet, früher sei alles besser gewesen, sollte Michaela Binder einmal über die Schulter schauen. Binder ist Bioarchäologin und arbeitet an der Schnittstelle von Biologie, Anthropologie und Archäologie. Sie untersucht menschliche Skelettreste aus Grabungen und rekonstruiert daraus, wie Menschen gelebt haben – von der Ernährung über Krankheiten bis zu Arbeitsbelastung und Lebenserwartung.

Was Orthopäd:innen heute im Röntgenbild erkennen, sucht sie am historischen Skelett: Gelenkverschleiß, Knochenumbauten, Spuren von Mangelernährung oder Infektionen. Skelette sind dabei keine abstrakten Relikte, sondern direkte Archive des Lebens – oft die einzige Quelle für Erfahrungen, die nie schriftlich festgehalten wurden.

Besonders deutlich wird das an einem Forschungsprojekt zum ehemaligen Elisabethinen-Spital, dem ersten Wiener Frauenspital. Bei baubegleitenden archäologischen Untersuchungen kamen dort 356 Skelette aus einem Patientinnenfriedhof zutage. Was lässt sich aus diesen Toten über die soziale und medizinische Geschichte der Stadt lernen?

(c) Michaela Binder

Bei den Elisabethinen führt diese Frage direkt ins Arbeitsleben der frühen Neuzeit. Bislang zeigt sich: Viele der Bestatteten waren junge Frauen, oft Dienstbotinnen. In ihren Knochen finden sich Spuren von Mangel im Kindesalter, körperlicher Schwerarbeit und chronischen Infektionen. Hinweise auf soziale Ungleichheit, die sich buchstäblich in die Körper eingeschrieben hat.

Die Befunde der Bioarchäologie widersprechen der Vorstellung einer „gesünderen“ Vergangenheit. Das zeigt ein Fund aus dem Sudan, an dem Binder beteiligt war: ein rund 3000 Jahre altes, vollständiges Skelett mit deutlichen Spuren von Krebsmetastasen. Solche Nachweise sind selten – auch weil Krebs am Skelett nur sichtbar wird, wenn die Krankheit lange genug fortschreitet. Der Befund korrigiert ein verbreitetes Missverständnis: Krebs ist keine reine Zivilisationskrankheit. Es gab ihn bereits in der Antike.

Vielleicht ist das die eigentliche Lektion der Bioarchäologie: Sie entzieht der Vergangenheit ihre Patina und macht sie wieder körperlich erfahrbar. Nicht als romantische Erzählung, sondern als Realität aus Gelenken, Zähnen, schlecht verheilten Knochen und den langfristigen Folgen harter Arbeit.

Bild: Novetus