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April 28, 2026
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Bioarchäologie: was 356 Skelette aus dem ersten Wiener Frauenspital erzählen

War früher alles besser? Bioarchäologin Michaela Binder findet in Skeletten das Gegenteil: Spuren von Mangel, Schwerarbeit und Krankheit – bis hin zu einem rund 3000 Jahre alten Krebsbefund aus dem Sudan.

Bioarchäologie: was 356 Skelette aus dem ersten Wiener Frauenspital erzählen
Bild: Novetus

Wenn jemand sagt, früher sei alles besser gewesen, kann Michaela Binder nur lachen. Sie sieht, was frühere Leben in den Körpern hinterlassen haben: Arthrosen bei jungen Frauen, Mangel im Kindesalter, Knochen, die nicht verheilen durften, weil weitermarschiert wurde.

Binder ist Bioarchäologin bei Novetus, einem archäologischen Dienstleistungsunternehmen. Ihr Fach liegt zwischen Biologie und Archäologie: Sie hat Humanbiologie studiert, parallel dazu Ur- und Frühgeschichte, und arbeitet an menschlichen Skelettresten aus Grabungen. Aus ihnen rekonstruiert sie Lebensgeschichten – Ernährung, Krankheit, körperliche Belastung. Die Veränderungen, die sie beschreibt, sind dieselben, die eine Orthopädin heute im Röntgenbild sieht; entsprechend greift die Forschung auf medizinische Literatur und klinische Vergleichsdaten zurück.

Ein aktuelles Projekt führt in das erste Wiener Frauenspital der Elisabethinen im dritten Bezirk. Dass dort gegraben wurde, war kein Forschungswunsch, sondern eine Bauauflage: Der Orden wollte im Innenhof ein Geriatriezentrum errichten, historische Ansichten verzeichneten an dieser Stelle einen Patientinnenfriedhof, und schon 2014 stießen Suchschnitte auf Bestattungen. Am Ende wurden 356 Skelette geborgen. Erst danach entstand daraus ein Forschungsprojekt.

(c) Michaela Binder

Was die Knochen der Dienstbotinnen erzählen

Über die Ordensspitäler, die im 18. Jahrhundert von Mönchen geleitet wurden, ist einiges bekannt. Ein Frauenspitalsorden wie die Elisabethinen war in der Medizin- und Spitalsgeschichte bisher kaum ein Thema. Bestattet sind hier vor allem junge Frauen, und die Sterbematriken verraten, wer sie waren: Dienstbotinnen. Im Wien des 18. Jahrhunderts stand fast die Hälfte der Bevölkerung in einem Dienstverhältnis, und diese Frauen zählten zu den ersten wirklich berufstätigen der Stadt. In ihren Knochen zeigen sich Mangelernährung in der Kindheit, chronische Infektionen und Gelenkschäden, die schon in jungen Jahren weit fortgeschritten waren – das Ergebnis schwerer körperlicher Arbeit ab einem sehr frühen Alter.

Die Todesursachen selbst lassen sich am Skelett meist nicht ablesen. Knochen reagieren langsam, eine Krankheit muss Wochen bestehen, bevor sie Spuren hinterlässt. Die häufigste in den Matriken verzeichnete Ursache, der Wundbrand, tötete innerhalb von Tagen.

Genau deshalb ist ein Fund aus dem Sudan so ungewöhnlich, an dem Binder beteiligt war: ein vollständiges Skelett aus der Zeit zwischen 1000 und 1200 vor Christus, an dem sich die Ausbreitung einer Krebserkrankung nachweisen lässt. Knochenmetastasen brauchen Monate, bis sie sich ausprägen. Der Befund widerlegt die Vorstellung, Krebs sei eine Erkrankung der Gegenwart – und zeigt zugleich, warum solche Nachweise selten sind: Nur wer gut genug ernährt war und keine andere Infektion hatte, lebte lange genug, damit sich die Krankheit ins Skelett einschreiben konnte.

„Es ist ein toter Mensch. Und das darf man nicht außer Acht lassen.“

Diese Haltung gibt Binder auch im Unterricht weiter. Zu viel Nähe macht die Arbeit unmöglich, zu viel Distanz macht aus Menschen Objekte. Sie spricht nicht von Fällen, sondern von Toten, die Vorstellungen hatten, religiöse wie ethische. Ähnlich unsentimental fällt ihr Blick auf die Vergangenheit aus. Hunderttausende junge Männer blieben auf den Schlachtfeldern Europas; an den Skeletten von Aspern und Wagram, wo 1809 gekämpft wurde, fand sie Wirbelsäulen, die unter der Last der Ausrüstung deformiert waren, und Mittelfußknochen, die brachen und nie in Ruhe verheilen konnten.

Anatomisch unterscheidet uns wenig von ihnen. Am Krems-Wachtberg, wo Binder zwischen 2004 und 2007 mitarbeitete, wurden die bekannten Zwillingsbestattungen freigelegt; ein drittes Kind fand sie später im eigenen Grabungsschnitt. Diese Kinder starben vor rund 27.000 Jahren, und doch waren es anatomisch moderne Menschen. Legt man ein Skelett aus dem 16. Jahrhundert neben eines aus der Altsteinzeit, sehen die Knochen gleich aus; was sich unterscheidet, sind die Spuren der jeweiligen Lebensweise. Auch unsere Zeit wird solche hinterlassen – die Abnützung am Daumen etwa, mit der künftige Bioarchäolog:innen dann ihre eigene Diagnose zu stellen haben.