Auf einer römischen Gewandspange, kaum größer als eine Sicherheitsnadel, klebt Stoff. Im Boden Mitteleuropas vergeht innerhalb von 20 bis 25 Jahren praktisch alles, was einmal weich war: Textilien, Haut, Haare, Fleisch. Dass an dieser Fibel nach zwei Jahrtausenden noch Gewebe zu erkennen ist, verdankt sich dem Rost.
Karina Grömer, Leiterin der Prähistorischen Abteilung des Naturhistorischen Museums Wien, stieß vor rund zehn Jahren in einem Forschungsprojekt über Kleidung und Identität in römischer Zeit auf solche Stücke. Liegt ein Metallobjekt direkt am Körper – ein Gürtel um den Bauch, eine Fibel an der Schulter – und stimmt das Mikroklima aus pH-Wert und Feuchtigkeit, dann korrodiert der Stoff mit. Was bleibt, ist ein Rostabdruck des Gewands. Bei einer Körperbestattung lässt sich der gut lesen: Textil an der Innenseite eines Gürtels gehörte zum gegürteten Gewand, etwa einer Tunika, grober Stoff an einer Schulterspange zu einem Mantel.
Schwieriger wird es bei Brandgräbern. Wer auf einem Scheiterhaufen verbrannt und danach als Knochen aufgesammelt wurde, hat seine Kleidung im Feuer zurückgelassen. Trotzdem finden sich auch dort ankorrodierte Textilien – vermutlich Reste eines Tuchs, in das die Knochen erst später eingewickelt wurden. Grömer wollte genauer wissen, was bei einer Verbrennung tatsächlich passiert.
Gemeinsam mit einer Kollegin von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften stellte sie eine Brandbestattung nach. Menschen zu verbrennen verbietet sich, verwendet wird deshalb ein Schwein: Die Verteilung von Fleisch und Knochen im Rumpf ähnelt der menschlichen. Vor drei Jahren war es so weit, im Freilichtmuseum Asparn an der Zaya, mit sämtlichen Genehmigungen und der Feuerwehr vor Ort.
Ausgestattet wurde das Tier vollständig: Totenhemd, Mantel, bestickte Gewänder, nachgemachte Armreifen, brettchengewebte Gürtel. Sieben Studierende bestickten zwei Tage lang ein Leichentuch mit 200 Bronzebuckelchen, hergestellt nach einem Fund aus Inzersdorf ob der Traisen. Weil im Original Haarspiralen lagen, brauchte es Zöpfe, die sie halten konnten. Grömer nähte sie an ein Kopftuch und lieferte das Material selbst: Ihre Haare reichten davor bis zur Hüfte, danach bis zur Schulter. Dann wurde angezündet.
Der Aufwand ist nicht das Opfer, sondern die Voraussetzung. Dokumentiert wird jeder Schritt, denn die Frage lautet, wie ein prähistorisches Ritual funktionierte: Was legt man dazu, was lässt sich aus dem niedergebrannten Scheiterhaufen wieder aufsammeln und in eine Urne füllen?
Forschung darf auch Spaß machen und von außen vielleicht erst einmal wie ein verrücktes Rollenspiel ausschauen.
Was im Nachmachen sichtbar wird, ist vor allem Zeit. Ein bandförmiger Gürtel kostet allein im Weben über einen Tag. Für ein wadenlanges Totenhemd, von der Grundfläche her ein großes T-Shirt, rechnet Grömer mit rund zehn Kilometern Faden – und mit drei Monaten, um ihn zu spinnen. Zwischen diesem Maß und dem, was heute als Fast Fashion in den Regalen hängt, liegt mehr als Technik: eine andere Vorstellung davon, was ein Stück Stoff wert ist.
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