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May 11, 2021
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NHM Wien

Die Laus als Maßstab: Leeuwenhoeks Mikroskop im Naturhistorischen Museum Wien

Ein Nachbau, sieben Zentimeter groß, mit einer einzigen Linse: Andreas Hantschk zeigt im Naturhistorischen Museum Wien das Mikroskop des Antoni van Leeuwenhoek – und erzählt von einem Eichmeister, den Zar Peter der Große besuchte.

Die Laus als Maßstab: Leeuwenhoeks Mikroskop im Naturhistorischen Museum Wien
Foto: Jeroen Rouwkema, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

Sieben, acht Zentimeter Metall, ein Griff zum Anfassen, dazwischen ein winziges Loch mit einer eingespannten Glaslinse. Viel mehr braucht es nicht, um eine Welt zu betreten, die vorher niemand gesehen hatte. Andreas Hantschk holt das Gerät aus einer Vitrine im Schaubereich des Naturhistorischen Museums Wien und legt es in seinem Büro auf den Tisch: ein authentischer Nachbau des Mikroskops von Antoni van Leeuwenhoek.

Hantschk, Zoologe und in der Abteilung Wissenschaftskommunikation des Hauses für die Umweltbildung zuständig, beschreibt den Aufbau als beinahe trotzig einfach: zwei parallel verlaufende Metallplatten, dazwischen eine einzige Linse. Im 17. Jahrhundert war ein solches einfaches Mikroskop den ersten zusammengesetzten Geräten überlegen. 400 bis 600 davon soll Leeuwenhoek gebaut haben, aus Kupfer, aus Silber, aus Gold; erhalten sind bis zu zwölf. Eines fand sich im Schlamm eines Delfter Kanals.

Delft, im Goldenen Zeitalter der Niederlande, ist der Ort dieser Geschichte. Leeuwenhoek stammte aus einer Kaufmannsfamilie und handelte dort mit Stoffen. Wer Stoffe beurteilt, zählt Fäden: Je mehr Fäden verwoben sind, desto teurer die Ware. Das Vergrößerungsglas dafür hieß Fadenzähler, kaufen konnte man es nicht, also stellte er sich selbst welche her, schliff Linsen, blies sie aus Glas – und landete bei jenem kleinen, sehr effizienten Gerät.

Sein Brotberuf blieb ein anderer. Leeuwenhoek war Eichmeister im Rathaus, zuständig für Maße und Gewichte, für den Wein- und den Bierhandel; ein lebenslang bezahlter Beamter, der in seinen Mußestunden mikroskopierte. Aus dem Rechnen mit Fässern wurde das Rechnen mit dem Unsichtbaren. Als Bezugsgröße diente ihm eine Laus, genauer deren Auge: Wie viel kleiner als ein Läuseauge ist ein Einzeller? Historiker hielten das lange für einen Gag, bis sich zeigte, dass die Berechnungen Hand und Fuß hatten. Methoden, mikroskopische Größen zu bestimmen, gab es damals nicht, Namen für die winzigen Organismen ebenso wenig.

Er entdeckte Einzeller, Pantoffeltierchen und Amöben, Bakterien – seine Beschreibung von Bakterien aus dem Zahnbelag datiert auf 1683 –, rote Blutkörperchen und Blutkapillaren, für die er eigene Mikroskope baute, und die Spermien, die er Samentierchen nannte. Den Anschluss an die gelehrte Welt verdankte er Reinier de Graaf, einem Arzt in Delft, dessen Name im Graaf-Follikel fortlebt: De Graaf stellte ihn 1673 der Royal Society in London vor. Die niederländisch verfassten Berichte riefen dort ungläubiges Staunen hervor, bis Robert Hooke sie überprüfte und dieselben Lebewesen sah. 215 Briefe gingen im Lauf der Jahre an die Gesellschaft, 119 davon erschienen zumindest auszugsweise in den Philosophical Transactions.

Nach Delft reisten daraufhin gekrönte Häupter: Königin Maria II., der spätere König Jakob II. und, im Jahr 1697, Zar Peter der Große.

„Diese mächtigen Leute damals haben sich wirklich dafür begeistern können und reisten nach Delft, um einen einfachen Tuchmacher zu besuchen.“

Auf die Gegenwart übertragen, sagt Hantschk, sei das eigentlich unvorstellbar. Geblieben ist ein Gerät, das in eine Handfläche passt und den Maßstab der Welt verschob – gebaut von einem Beamten, der das Unsichtbare an einem Läuseauge maß.