Objekte
January 3, 2022
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NHM Wien

Die Eisenblüte: acht Kilo Kalk vom Erzberg im Naturhistorischen Museum Wien

Weiß, verästelt, zerbrechlich wie Schnee und trotzdem seit Jahrhunderten heil: Vera Hammer zeigt im Naturhistorischen Museum Wien die Eisenblüte vom steirischen Erzberg – und erzählt, wie sie nach Wien kam.

Die Eisenblüte: acht Kilo Kalk vom Erzberg im Naturhistorischen Museum Wien
Foto: Dr. Bernd Gross, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Es sieht aus wie ein Korallenstock, und es kommt aus dem Berg. Schneeweiße Ästchen, dünn wie Draht und mehrere Zentimeter lang, stehen wirr nach allen Seiten – „wie der Kopf vom Struwwelpeter“, sagt Vera Hammer. Gelebt hat dieses Gebilde nie. Die Eisenblüte ist eine rein anorganische Bildung: chemisch Calciumcarbonat, mineralogisch Aragonit.

Vera Hammer hat die Mineralien- und Edelsteinsammlung des Naturhistorischen Museums Wien seit 1992 kuratiert; die Eisenblüte nennt sie ihr Lieblingsobjekt. Ihren Namen trägt die Eisenblüte, weil sie vor allem in Eisenbergwerken vorkommt; das berühmteste ist der steirische Erzberg. Meist ist sie reinweiß, mit etwas Kupfer in der Mischung kann sie auch hellblau werden. Angeblich gab es unter Tage ganze Hohlräume, deren Wände vollständig mit diesen bizarren Ästchen ausgekleidet waren. Schon im 16. Jahrhundert dürfte das die Menschen fasziniert haben.

Solange mit Schlägel und Eisen gearbeitet wurde, öffneten die Bergleute solche Kammern vorsichtig. Diese „Schatzkammern“ bekamen auch vornehmen Besuch: Erzherzog Johann fuhr mit Anna Plochl am Erzberg unter Tage ein, beleuchtet war der Hohlraum nur mit Grubenfackeln, ein Stich zeigt die beiden. Ab 1720 kamen Sprengmittel zum Einsatz, und damit war es mit vielen dieser Hohlräume vorbei. Beim Sprengen ging es um Erz, nicht um Rücksicht. Die großen historischen Stücke, vermutet Hammer, wurden alle davor geborgen.

Eines davon steht heute in Wien: 40 mal 30 mal etwa 20 Zentimeter groß, acht Kilogramm schwer, eines der hundert besten Objekte des Hauses. Im Inventarbuch ist vermerkt, dass es jedenfalls vor 1806 gefunden wurde; Hammer vermutet, dass es noch weit länger in der Sammlung liegt. Erstaunlicher als das Alter ist die Unversehrtheit. Wer die winzigen, innen hohlen Röhrchen berührt – und Kurator:innen müssen das tun, wenn sie Sammlungen einrichten oder Stücke reinigen –, merkt sofort, wie wenig es braucht. In eine Pferdekutsche konnte man so etwas nicht legen. Die Stücke wurden fein verpackt auf Buckelkraxen von der Steiermark nach Wien getragen.

Was den Bergleuten als Abfall blieb, wurde zu Volkskunst. Aus kleinen Eisenblüten, dazu Siderit und Ankerit, den typischen Erzen des Erzbergs, setzten sie in gläsernen Kästchen ganze Bergwerksszenen mit Figuren zusammen, oft als Geschenk für den Bergherrn. Dieselben Szenen gibt es auch in enghalsigen Flaschen, Geduldflaschen genannt. Das Handwerk ist selten geworden; hin und wieder taucht ein Kästchen im Kunsthandel auf oder in einem Bergbau- oder Volkskundemuseum. Eines soll einmal auf Schloss Ambras bei Innsbruck gestanden haben, erhalten ist es nicht.

Neu bestimmte Mineralien bekommen heute meist rein chemische Bezeichnungen. Früher benannte man sie nach dem ersten Fundort oder nach einer Person. Die Eisenblüte hat ihren beschreibenden Namen behalten – einen Rest Romantik in einer Wissenschaft, die längst anders spricht.