Gitterwände wie im Depot, Bilder dicht an dicht gehängt, Skulpturen, die gar nicht erst ausgepackt wurden und halb in ihren Transportkisten stecken: Der Hauptraum der Ausstellung „Auf Linie. NS-Kunstpolitik in Wien“ im Wien Museum MUSA sieht aus wie ein Lager, nicht wie ein Ausstellungsraum. Das ist genau die Absicht. „Kann man NS-Kunst überhaupt ausstellen und wenn ja, wie?“ – diese Frage stand am Anfang der Gestaltung. Die Antwort war eine Depotsituation: eine Anhäufung, eine Schichtung von Objekten, die den Werken die ästhetische Wirkung nimmt. Man wollte, sagt Kuratorin Sabine Plakolm-Forsthuber, „ganz gezielt die Aura dieser Kunstwerke brechen“.
Zugleich sollen die Bilder nicht im Depot bleiben. Kunst aus der NS-Zeit lagert reichlich in den Wiener Sammlungen, im Wien Museum ebenso wie anderswo und in Privatbesitz. Wird sie nie gezeigt, entsteht ein Mythos – auch das gehört zur Begründung der dichten Hängung.
Grundlage der Schau ist ein Aktenfund. Die Kunsthistorikerinnen Ingrid Holzschuh und Sabine Plakolm-Forsthuber stießen vor einigen Jahren auf die Akten der Reichskammer der bildenden Künste, Landesleitung Wien: rund 3.000 Mitgliederakten, die sie erstmals sichten und auswerten konnten. Die Reichskammer war eine Zwangsorganisation für alle Kunstschaffenden, von Malerei und Bildhauerei über das Kunsthandwerk bis zur Architektur. Wer nicht Mitglied war, durfte nicht arbeiten. Die Kammer entschied über Aufträge, Preise, Ehrungen und selbst über die Zuteilung von Arbeitsmaterial. Dahinter stand ein riesiger bürokratischer Apparat, dessen Funktionäre, Geschäftsführer und Fachreferenten sich anhand der Akten erstmals nachzeichnen ließen.

„Es gibt keine freie Kunst in dieser Zeit mehr. Jede Kunst ist in einer Form reglementiert und angepasst.“
Eine Ausstellung, die zum Recherchieren auffordert
Entsprechend ist die Ausstellung zweigeteilt. Im Vorraum liegen die Originaldokumente aus dem Archiv, darunter der standardisierte Fragebogen von Richard Teschner, auf dem Stilistik, politischer Hintergrund und Abstammung abgefragt wurden. Im anschließenden Hauptraum hängen und stehen die Werke jener Künstler:innen, die das rassistische Auswahlverfahren passiert hatten. Beide Teile sind über Farben und Nummern miteinander verbunden: Ein grüner Punkt bei einem Porträtfoto in der Vitrine verweist auf ein „Depot“ im Hauptraum, in dem sich das zugehörige Kunstwerk finden lässt, etwa in der Abteilung der „Gottbegnadeten“. Das Werk steht nicht neben der Person, es ist an die Seite geräumt. Wer die Verbindung sehen will, muss sie sich erarbeiten.

Dazwischen drängen sich heroische Porträts, Plakate und Theaterskizzen – und ein gipserner Adler mit dem Titel „Die Ostmark“, nur halb aus seiner Kiste befreit. Geschaffen hat ihn Wilhelm Frass, jener Bildhauer, der ein NS-Huldigungsschreiben unter dem Grab des unbekannten Soldaten in der Krypta beim Äußeren Burgtor deponierte; entfernt wurde es erst Jahrzehnte später.
Dass sich eine Ausstellung wie eine Archivrecherche anfühlt, passt zur Sache. Die Aufarbeitung des Nationalsozialismus verläuft bis heute über Listen, Karteien und Querverweise – möglich gemacht ausgerechnet durch die Bürokratie des Regimes selbst. Neben den Kammerakten arbeiteten die beiden Kunsthistorikerinnen im Österreichischen Staatsarchiv, im Wiener Stadt- und Landesarchiv und im Archiv des Künstlerhauses. Kunstgeschichte heißt hier nicht, ein Objekt zu betrachten, sondern zu fragen, wer es bestellt hat, wer es bewilligt hat und wer davon profitierte. Die Namen in den Akten enden nicht 1945.

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