Ein schlichter, kastenförmiger Korpus aus Holz, der Deckel mit Gurten bespannt: blau, rot, gelb, so ineinander verflochten, dass ein Quadratmuster entsteht. Wer den Deckel anhebt, dem springt eine Matratze entgegen. Aus dem Sitzmöbel wird ein Bett. Entworfen wurde dieses Diwanbett in den 1920er-Jahren für eine Einraumwohnung – für Menschen also, die kein Zimmer übrig hatten, in dem ein Bett nur Bett sein durfte.
Katharina Hövelmann, Kunsthistorikerin und Kuratorin der Ausstellung „Atelier Bauhaus, Wien“ im Wien Museum MUSA, beschreibt das Stück als Ergebnis von Teamarbeit. Die farbigen Gurten in den Grundfarben lassen sich Friedl Dicker zuschreiben: Sie hatte die Textilklasse an der Wiener Kunstgewerbeschule besucht und am Bauhaus die Weberei. Am Scherenmechanismus, der die Matratze hebt, tüftelte Leopoldine Schrom, eine Mitarbeiterin der Ateliergemeinschaft von Dicker und Franz Singer.
Diese Mitarbeiterinnen waren keine Randfiguren. Sie hatten an der Technischen Hochschule, der heutigen TU Wien, studiert und brachten damit das technische Know-how ins Atelier. Dicker und Singer selbst waren künstlerisch-handwerklich ausgebildet; ohne die Konstruktionskompetenz ihrer Angestellten wären Möbel wie dieses nicht zu bauen gewesen.
Die Verwandlung, die Multifunktionalität, ist nach Hövelmann charakteristisch für die Möbelentwürfe der beiden. Sie schrieben ihre Haltung sogar nieder: In einem Text mit dem Titel „Das moderne Wohnprinzip“ forderten sie ausdrücklich solche Möbel, damit kleine Wohnungen mehrfach genutzt werden können.
Drei Linien laufen in diesem Kasten zusammen. Die erste führt zu den Bauhausmöbeln. Die zweite kommt von der Bühne: Dicker und Singer hatten am Bauhaus auch die Bühnenwerkstatt durchlaufen und parallel zum Studium für den Theaterregisseur Berthold Viertel gearbeitet. Die Verwandlungseffekte des Theaters wirkten in die Entwürfe hinein. Die dritte Linie führt zum russischen Konstruktivismus, dessen Künstler:innen kinetische Aspekte aus der Kunst auf Möbel übertrugen.
Gefordert war die Multifunktionalität, um der Raumknappheit etwas entgegenzusetzen. Hövelmann sieht in den Entwürfen von Dicker und Singer aber noch etwas anderes: Diesen Möbeln hafte auch etwas Selbstzweckhaftes an. Sie sind nicht bloß Antwort auf zu wenige Quadratmeter, sondern verweisen darauf, dass künstlerische Aspekte in die angewandten Bereiche übertragen wurden – dass die Kunst in den Wohnraum der Menschen geholt wird, indem man Möbel entwickelt, die diese Funktionen aufgreifen.
Ein Jahrhundert später verkaufen sich klappbare, stapelbare, ausziehbare Möbel als Antwort auf Mikroapartments und Tiny Houses, meist mit dem Argument des knappen Platzes. Das Diwanbett erinnert daran, dass diese Idee einmal mit einem anderen Anspruch angetreten ist: Wer wenig Raum hat, soll deshalb nicht auf Gestaltung verzichten müssen.
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