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April 20, 2022
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Papyrusmuseum

Heiraten oder nicht? Ein über 2000 Jahre altes Liebesorakel aus dem Papyrusmuseum

Ein Papyruszettel vom 26. April 6 n. Chr. hält eine große Lebensfrage fest: Soll Asklepiades Tapetheus heiraten? Bernhard Palme zeigt im Papyrusmuseum, was dieses Losorakel über den Alltag im griechisch-römischen Ägypten verrät.

Heiraten oder nicht? Ein über 2000 Jahre altes Liebesorakel aus dem Papyrusmuseum
Bild: ÖNB

Große Lebensfragen wirken zeitlos. Heiraten oder nicht? Vertrauen oder lieber noch einmal nachfragen? Im Papyrusmuseum der Österreichischen Nationalbibliothek hat sich ein unscheinbarer Zettel erhalten, auf dem jemand genau so eine Entscheidung festhielt – vor über 2000 Jahren.

Bernhard Palme, Althistoriker und Papyrologe an der Universität Wien, leitet die Papyrussammlung und das Papyrusmuseum. Er lenkt den Blick auf ein Objekt, das kaum größer als eine Handfläche ist. Darauf steht auf Griechisch die Bitte eines Mannes namens Asklepiades an den Gott Soknopaios. Die Frage ist ebenso schlicht wie existenziell: Wenn es ihm nicht vergönnt sei, Tapetheus, die Tochter des Marres, zu heiraten, möge der Gott ihm genau diesen Zettel zukommen lassen.

Damit ist der kleine Papyrus nicht bloß ein persönliches Dokument, sondern ein Beispiel für ein sogenanntes Losorakel. Das Verfahren war einfach, fast pragmatisch: Man formulierte dieselbe Frage auf zwei Zetteln, einmal mit positiver, einmal mit negativer Antwort. Dann wurden die Lose gemischt; die Orakelgottheit sollte dem Fragenden den passenden Papyrus zurückgeben. Für die antike Alltagsreligion war das kein kurioser Randbrauch, sondern ein ernst genommenes Mittel, um Unsicherheit zu bewältigen.

Gerade darin liegt die kulturelle Spannung dieses Textes. Asklepiades überträgt eine der wichtigsten Entscheidungen seines Lebens einem Gottesurteil. Das wirkt heute fremd und zugleich vertraut. Denn auch wenn die meisten Menschen keine Papyruslose mehr vorbereiten, bleibt der Wunsch lebendig, komplizierte Entscheidungen an ein Zeichen, einen Rat oder einen höheren Sinn zu delegieren.

Der Papyrus lässt sich ungewöhnlich genau datieren: auf den 26. April 6 n. Chr. Das ist bemerkenswert, weil viele antike Zeugnisse sich nur ungefähr einordnen lassen. Hier aber ist ein einzelner Moment greifbar: ein Mensch, ein Name, eine Hoffnung, ein Stück Unsicherheit. Solche Texte gehören zu den Stärken von Papyrussammlungen. Anders als monumentale Inschriften oder literarische Werke überliefern Papyri oft Stimmen aus dem Alltag – nicht von Kaisern und Feldherren, sondern von Leuten, die Rechnungen schrieben, Bitten formulierten oder Heiratsfragen an ein Orakel richteten.

Dass die Angelegenheit komplizierter war als eine bloße Liebeserklärung, zeigt ein Zusatz auf dem Zettel: Tapetheus war früher die Frau des Horion. Für die Ja-Nein-Frage wäre diese Information nicht nötig. Genau deshalb ist sie aufschlussreich: Asklepiades wollte der Gottheit offenbar unmissverständlich angeben, um welche Tapetheus es ging.

Soknopaios, eine lokale Gottheit im Fayum, wurde in Krokodilsgestalt verehrt; der Kultort Soknopaiou Nesos war ein wichtiges religiöses Zentrum. Der Fund verweist damit auf den kultischen Rahmen solcher Orakelpraktiken. Erhalten ist ausgerechnet der Zettel mit der negativen Formulierung. Ob Asklepiades am Ende die positive Antwort in Händen hielt, bleibt offen.

Dieser und andere Texte aus dem Alltag des griechisch-römischen Ägyptens sind im Papyrusmuseum zu sehen.

Bild: ÖNB