DAS Herzstichmesser und die Angst vor dem Scheintod

Die eigentliche Zumutung des 19. Jahrhunderts war für viele Menschen nicht das Sterben, sondern die Möglichkeit, dabei verwechselt zu werden. Nicht wirklich tot, nur für tot erklärt: Der Scheintod war eine Obsession, und sie hatte praktische Folgen. Im Bestattungsmuseum Wien steht dafür ein Objekt, das diese Angst sauber zusammenfasst: das Herzstichmesser, ein Stilett mit Holzgriff und doppelschneidiger Klinge, gedacht als letzte Sicherheit, dass ein Mensch tatsächlich tot ist.

Der Herzstich wurde im 19. Jahrhundert nicht als Gewaltakt verstanden, sondern als Service. Wer es sich leisten konnte, konnte ihn „zubuchen“ – also im Voraus bezahlen, damit nach der Todesfeststellung einer von zwei unabhängigen Ärzten mit der Klinge ins Herz stach. Nicht die Familie bestellte diese Maßnahme, sondern die betroffene Person selbst, aus Misstrauen gegen Diagnose, Medizin und die Möglichkeiten der Zeit.

Der Herzstich sollte den „sichersten aller Tode“ garantieren, weil dem ärztlichen Urteil allein nicht getraut wurde. Denn medizinische Standards, Erreichbarkeit und Diagnostik waren längst nicht so verlässlich, wie man es heute gewohnt ist.

Gerade deshalb erzählt das Herzstichmesser weniger von morbider Exzentrik als von einem Vertrauensproblem. Zwei unabhängige Ärzte mussten den Tod feststellen, erst dann kam das Messer zum Einsatz. Doch selbst diese doppelte Kontrolle reichte offenbar nicht, um die Angst vor dem Lebendigbegrabenwerden zu besänftigen. Der Herzstich war die radikalste Form der Beruhigung: Wer ihn gebucht hatte, konnte zumindest sicher sein, nicht im Sarg aufzuwachen. Es ist eine eigentümliche Pointe der Kulturgeschichte, dass ausgerechnet eine tödliche Verletzung als Form der Fürsorge galt.

Erich Traxler vom Bestattungsmuseum verankert diese Angst nicht nur im Allgemeinen, sondern auch im Milieu der Zeit. Er sagt, Johann Nestroy habe gemeint, er habe keine Angst vor dem Tod, aber vor den Ärzten und vor dem Scheintod. Der Satz trifft den Nerv einer Epoche, in der sich modernes Wissen entwickelte, ohne schon jenes Vertrauen zu genießen, das Institutionen heute für sich reklamieren. Auch Prominente buchten den Herzstich, sagt Traxler – nicht weil sie todessehnsüchtig gewesen wären, sondern weil sie das Geld für zusätzliche Gewissheit hatten. Sicherheit war auch damals schon eine Frage der Zahlungsfähigkeit.

Heute wirkt ein bezahlter Herzstich wie schwarzer Humor aus einer anderen Welt. Ganz verschwunden ist die Logik dahinter aber nicht. Noch immer lagern sich um Krankheit, Diagnosen und Patientenverfügungen dieselben alten Fragen: Wem glaubt man, was gilt als sicher, und was kostet Beruhigung? Das Herzstichmesser beantwortet diese Fragen auf drastische Weise. Gerade deshalb bleibt es mehr als ein Museumsstück.

Das Bestattungsmuseum Wien ist am Wiener Zentralfriedhof im Untergeschoß der Aufbahrungshalle 2 zu finden.

Shownotes

Bestattungsmuseum Wien

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