
Heiraten oder nicht? Ein über 2000 Jahre altes Liebesorakel aus dem Papyrusmuseum
Große Lebensfragen wirken oft erstaunlich zeitlos. Heiraten oder nicht? Vertrauen oder lieber noch einmal nachfragen? Im Papyrusmuseum der Österreichischen Nationalbibliothek ist ein unscheinbarer Zettel erhalten, auf dem genau so eine Entscheidung festgehalten wurde – und zwar vor über 2000 Jahren.
Bernhard Palme, Althistoriker, Papyrologe an der Universität Wien und Direktor der Papyrussammlung und des Papyrusmuseums der Österreichischen Nationalbibliothek, lenkt den Blick auf ein Objekt, das kaum größer als eine Handfläche ist. Darauf steht auf Griechisch die Bitte eines Mannes namens Asklepiades an den Gott Soknopaios. Die Frage ist ebenso schlicht wie existenziell: Wenn es ihm nicht vergönnt sei, Tapetheus, die Tochter des Marreios, zu heiraten, möge der Gott ihm genau diesen Zettel zukommen lassen.
Damit ist der kleine Papyrus nicht bloß ein persönliches Dokument, sondern ein Beispiel für ein sogenanntes Losorakel. Das Verfahren war einfach, fast pragmatisch: Man formulierte dieselbe Frage auf zwei Zetteln, einmal mit positiver, einmal mit negativer Antwort. Dann wurden die Lose gemischt; die Orakelgottheit sollte dem Fragenden den passenden Papyrus zurückgeben. Für die antike Alltagsreligion war das kein kurioser Randbrauch, sondern ein ernst genommenes Mittel, um Unsicherheit zu bewältigen.
Gerade darin liegt die kulturelle Spannung dieses Textes. Asklepiades überträgt eine der wichtigsten Entscheidungen seines Lebens einem Gottesurteil. Das wirkt heute fremd und gleichzeitig sehr vertraut. Denn auch wenn die meisten Menschen keine Papyruslose mehr vorbereiten, bleibt der Wunsch, komplizierte Entscheidungen an ein Zeichen, einen Rat oder einen höheren Sinn zu delegieren, erstaunlich lebendig.
Der Papyrus lässt sich ungewöhnlich genau datieren: auf den 26. April 6 n. Chr. Das ist deshalb bemerkenswert, weil viele antike Zeugnisse eher ungefähr einzuordnen sind. Hier aber ist ein einzelner Moment greifbar: ein Mensch, ein Name, eine Hoffnung, ein Stück Unsicherheit. Solche Texte gehören zu den besonderen Stärken von Papyrussammlungen. Anders als monumentale Inschriften oder literarische Werke überliefern Papyri oft Stimmen aus dem Alltag – nicht von Kaisern und Feldherren, sondern von Leuten, die Rechnungen schrieben, Bitten formulierten oder eben Heiratsfragen an ein Orakel richteten.
Dass die Angelegenheit komplizierter war als eine bloße Liebeserklärung, zeigt ein Zusatz auf dem Zettel: Tapetheus war früher die Frau des Horion. Für die eigentliche Ja-Nein-Frage wäre diese Information nicht nötig. Gerade deshalb ist sie so aufschlussreich. Sie deutet darauf hin, dass Asklepiades sicherstellen wollte, dass die Gottheit genau wusste, um welche Tapetheus es ging.
Soknopaios war eine lokale Gottheit im Fayum und wurde als krokodilgestaltiger Gott verehrt; der Kultort Soknopaiou Nesos war ein wichtiges religiöses Zentrum. Der Fund verweist damit auf den religiösen Kontext solcher Orakelpraktiken. Erhalten ist ausgerechnet der Zettel mit der negativen Formulierung. Ob Asklepiades am Ende tatsächlich die positive Antwort erhielt, wissen wir nicht.
Zu sehen ist dieser und andere Texte aus dem Alltag des griechisch-römischen Ägypten im Papyrusmuseum der Österreichischen Nationalbibliothek.
Shownotes
ÖNB



