Der Klappsarg von Josef II.: Wie eine Sarg fast einen Bürgerkrieg auslöste

Man kann einen Sarg als letzten Luxusgegenstand mit Rohstoffproblem betrachten. Josef II. entschied sich 1784 für genau für diese Sicht und dachte das Begräbnis radikal neu: Holz sollte nicht mit den Toten in der Erde verschwinden, sondern wiederverwendet werden. Heraus kam ein Objekt, das heute so kurios wie folgerichtig wirkt: der josephinische Klappsarg, im Bestattungsmuseum am Wiener Zentralfriedhof erhalten als handfeste Erinnerung daran, dass selbst die letzte Ruhe eine politische Frage sein kann.

Erich Traxler, Mitarbeiter des Bestattungsmuseums, beschreibt das Objekt ohne jedes Schauderpathos: ein Holzsarg mit Hebeln an Kopf- und Fußende. Werden sie betätigt, öffnet sich an der Unterseite eine Klappe, und der Leichnam fällt in die Grabstelle. Das klingt nach makabrer Ingenieurskunst, war aber Teil einer nüchternen Verwaltungslogik. Josef II. wollte Ressourcen sparen. Die Kirche musste den Sarg bereitstellen, jeder bekam denselben. Die Verstorbenen wurden nackt in Leinen eingenäht, in der Kirche aufgebahrt, dann zur Grabstelle gebracht und in einem Sammelgrab beigesetzt.

Der eigentliche Sprengstoff dieser Reform lag allerdings nicht nur in der Mechanik des Sarges. Er lag in der Gleichmacherei. Adel und Nichtadelige sollten im Tod denselben Rahmen erhalten: kein individuell gewählter Sarg, dieselbe Grabstelle. Was nach aufgeklärter Rationalität klingt, griff in ein System aus Stand, Ritual und sozialer Sichtbarkeit ein. Traxler schildert die Folgen drastisch: Nach nur sechs Monaten musste Josef II. die Reform zurücknehmen, weil der Widerstand bereits so weit gediehen war, dass es beinahe einen Bürgerkrieg gegeben hätte.

Gerade an diesem Punkt wird der Klappsarg mehr als ein skurriles Museumsstück. Er markiert den Moment, in dem aufgeklärte Reform auf soziale Grenzen stößt. Josef II. dachte ökonomisch und, wie Traxler sagt, ökologisch. Die Gesellschaft dachte in Rangordnungen, Gewohnheiten und Zumutungen. Dass man Holz sinnvoller verwenden könne, als es in der Erde verrotten zu lassen, mag vernünftig klingen. Vernunft allein trägt aber kein Begräbnis, wenn sie gewachsene Rituale außer Kraft setzt.

Traxler verdichtet diese Kollision in einer trockenen, gerade deshalb eindrücklichen Szene: Einer zieht hinten am Hebel, einer vorne, der Leichnam purzelt in die Grabstelle, dazu etwas Löschkalk, damit die Verwesung schneller vor sich geht, und etwas Erde gegen den Geruch. Mehr Demontage der feierlichen Todeskulisse ist kaum möglich. Genau darin liegt die historische Schärfe dieses Objekts. Der Klappsarg zeigt, wie empfindlich Begräbnisrituale werden, wenn ein Staat sie nach Effizienzgesichtspunkten organisiert.

Auch die Mozart-Legende bekommt in diesem Zusammenhang einen anderen Dreh. Traxler erinnert daran, dass Mozart genau in dieser Reformzeit starb. Dass er in ein Sammelgrab kam und nicht von einem großen Trauerzug begleitet war, war daher nicht automatisch Ausdruck von Armut oder Verlassenheit, sondern entsprach den damaligen Regeln. Hinzu kam, dass Särge damals in der Kirche verabschiedet und anschließend weitgehend ohne Angehörige oder Trauergäste zum außerhalb der Stadt gelegenen Friedhof gebracht wurden. Im Fall Mozarts kam laut Traxler außerdem hinzu, dass es bei seinem Tod sehr kalt war und seine damalige Lebensgefährtin krank gewesen sei. Der Fall Mozart taugt also weniger als sentimentale Anekdote denn als Beispiel dafür, wie leicht spätere Generationen ihre Vorstellungen von würdigem Abschied in die Vergangenheit zurückprojizieren.

Dass ausgerechnet ein „ökologischer Visionär“ wie Josef II. an dieser Stelle scheiterte, macht die Sache zusätzlich interessant. Denn die Idee, Ressourcen zu schonen und Material anders zu nutzen, ist keineswegs nur ein Produkt der Gegenwart. Der Konflikt bleibt vertraut: Was als vernünftig gilt, muss kulturell nicht akzeptabel sein. Und nirgendwo zeigt sich das so deutlich wie dort, wo es um Tote geht.

Zu sehen ist der josephinische Klappsarg im Bestattungsmuseum am Wiener Zentralfriedhof, im Untergeschoß der Aufbahrungshalle 2.

Shownotes

Bestattungsmuseum Wien

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