Ausstellungen
March 4, 2023
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Kunsthalle Wien

Rote Zettel am Boden: Sanja Iveković in der Kunsthalle Wien

Über den Boden der Kunsthalle Wien liegen knallrote, zerknüllte Zettel verteilt. Co-Kuratorin Andrea Popelka über „Works of Heart“, die letzte Woche einer Ausstellung – und über Kunst, die schön aussieht und von Gewalt handelt.

Rote Zettel am Boden: Sanja Iveković in der Kunsthalle Wien
Sanja Iveković, Make-Up, 1979, courtesy the artist / Kunsthalle Wien

Über den ganzen Boden der Halle liegen knallrote, zusammengeknüllte Zettel. Sie stören, wenn man sich durch den Raum bewegt, und sehen zugleich aus wie Rosen, die aus dem Estrich sprießen. Wer einen aufhebt und glatt streicht, liest einen Bericht über geschlechtsspezifische Gewalt gegen geflüchtete Frauen.

Die Ausstellung „Sanja Iveković. Works of Heart (1974–2022)“ ist nur noch bis zum 12. März in der Kunsthalle Wien zu sehen. Iveković, 1949 in Zagreb geboren, gilt laut der Tafel am Eingang als erste feministische Künstlerin Ex-Jugoslawiens. Bekannt ist sie hier trotzdem kaum, obwohl sie mehrfach an der documenta teilnahm und das MoMA 2011 eine Einzelausstellung zeigte.

Der Körper trägt fast alles. Auf Monitoren in der Mitte der Halle bemalt sich Iveković das Gesicht mit Pfeilen. Auf Collagen sticht sie mit Nadeln in die Gesichter von Werbefotografien, reißt Seiten auf und legt die Verletzlichkeit der abgebildeten Frauen frei. Auf riesigen Plakaten posieren Models mit Sonnenbrillen, Werbung von Gucci bis Dior – über die Markennamen geklebt sind Geschichten von Frauen, die in Frauenhäusern Schutz vor Gewalt gefunden haben.

Andrea Popelka, Co-Kuratorin der Ausstellung, nennt das eine Methode: harte Kontraste, übereinandergelegt, konzeptuell scharf und trotzdem reduziert. Die roten Zettel, eine neue Fassung der Arbeit „Shadow Report“, haben den Raum am stärksten verändert.

„Wir nennen die Halle intern manchmal im Scherz Football Stadium, wegen dieser gebogenen Lichtdecke. Als die Zettelchen auf einmal am Boden verteilt waren, hat das die Ausstellung beim Aufbau total verändert.“

Iveković selbst habe von einem Virus gesprochen, der sich durch die Institution ausbreitet, statt fixiert zu bleiben.

Ein Wald, durch den man muss

Kuratiert hat die Schau Zdenka Badovinac, Direktorin des Museums für zeitgenössische Kunst in Zagreb. Gleich am Eingang steht die Serie „Ženska kuća“ – Women’s House: Abdrücke von Frauengesichtern auf eng gestellten Sockeln, an denen jeweils die Geschichte einer Frau aus einem Frauenhaus angebracht ist. Badovinac habe das wie einen Wald verstanden, durch den man sich erst durchschlängeln müsse, sagt Popelka. Man betritt also eine Art Frauenhaus – eine Setzung, die streitbar bleibt, weil die Kunsthalle nie ein Frauenhaus sein wird.

Solche Entscheidungen entstehen zwischen Gastkuratorin, Architektin, dem Kuratorinnenkollektiv WHW als Leitung des Hauses und der Künstlerin, die meist nur für ein, zwei Tage anreist. Die 2D- und 3D-Pläne werden im Raum oft wieder umgeworfen.

Iveković sei fordernd in der Zusammenarbeit, sagt Popelka, sehr genau – und hole mit ihren Scherzen wieder alle ein. Diesen Humor findet man auch in „Triangle“: 1979 setzte sich Iveković während einer Fahrt Titos durch Zagreb auf ihren Balkon, der aus Sicherheitsgründen gesperrt war, las, trank Whisky und tat, als würde sie masturbieren – bis Scharfschützen sie beobachteten und die Polizei an ihrer Tür läutete.

Katrina Daschner, queerfeministische Medienkünstlerin in Wien, hat an diesem Abend unter dem Titel „Meine Sicht“ durch die Räume geführt. Iveković habe sie sofort in ihren Bann gezogen: wegen des Körpers als widerständiger Geste, und weil hier eine Frau feministische Kunst macht, die nicht nur vor der Kamera steht, sondern auch Regie führt. Am 12. März werden die roten Zettel zusammengekehrt. Der Report, der darauf gedruckt ist, bleibt.