Ausstellungen
May 6, 2023
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Landesgalerie NÖ

Ein Teppich, den niemand betreten will: Frenzi Rigling in Krems

Eine Woche vor der Eröffnung sind die Räume der Landesgalerie Niederösterreich noch leer. Die Künstlerin Frenzi Rigling erzählt, warum ihre Arbeiten erst fertig sind, wenn Besucher:innen sich trauen, sie zu betreten.

Ein Teppich, den niemand betreten will: Frenzi Rigling in Krems
Ausstellungsansicht Frenzi Rigling. Über das, Landesgalerie Niederösterreich, 2023 © KMK, Foto: Christoph Fuchs

Ein Podest steht mitten im leeren Raum, die Wände weiß, sonst ist nichts da. Eine Woche vor der Eröffnung zeichnet die Künstlerin Frenzi Rigling ihre Ausstellung in die Luft: Auf das Podest kommen bunte Kissen und Bücher, darunter ein Teppich aus Schafwolle, der von der Wand herunter und mitten in den Raum läuft. Die Wolle ist mit Farbpunkten markiert, so wie in Irland, wo Schafe angesprüht werden, um zu zeigen, wem sie gehören oder ob sie Zwillinge tragen.

Wer sich hinsetzen will, muss auf den Teppich steigen. Genau das ist der Punkt. Rigling, 1958 in Schaffhausen geboren, arbeitet lieber mit Dingen, die nicht fix sind: nicht nur betrachten, sondern selbst etwas verändern können. Ob sich jemand traut, Teil einer Installation zu werden, bleibt offen – über Teppiche geht man sonst selbstverständlich, im öffentlichen Raum aber weiß man nicht, ob man darf.

Was die Besucher:innen dazugeben

Wie viel eine Arbeit aufnehmen kann, hat Rigling vor gut 20 Jahren gelernt. Aus den Kleidern, aus denen ihre beiden Kinder herausgewachsen waren, nähte sie einen Teppich, „Der süße Brei“, der mit jeder Ausstellung größer wurde; sie saß daneben und nähte weiter. Auf einer Messe in Zürich, zur Zeit des Irakkriegs, lag er quer über dem Weg der Besucher:innen. Die Leute hatten Mühe, darüberzugehen, und kamen zu ihr.

„Sie haben gesagt, das sind die Kleider der toten Kinder von diesem Krieg. Dieses Objekt wurde sofort mit ihren Emotionen aufgefüllt. Und wenn das passiert, dann merkt man, dass es funktioniert.“

In Krems hängt an einer langen Stange eine Arbeit, die davon erzählt, wie viele Hände an einem Werk beteiligt sind: über hundert Bänder, drei Zentimeter breit und möglichst lang, sauber gestürzt, nichts franst aus. Genäht hat sie Riglings Mutter, eine Schneiderin, aus den Resten der Kleider, die sie jahrzehntelang für die Familie gemacht hatte. „Zeitstück“ heißt die Arbeit, weil in den Stoffen die 1970er-, 1980er- und 1990er-Jahre stecken. Die Mutter ist gestorben. Kurz davor sagte sie ihrer Tochter, sie habe lange nicht verstanden, warum die so mit Textil umgehe – und dann, sie glaube, sie habe es richtig gemacht.

Das oberste Stockwerk der Landesgalerie Niederösterreich ist für eine Ausstellung eine Zumutung: Die Wände stehen nicht gerade, sondern ragen schräg in den Raum hinein. Die Bänder sind Riglings Antwort darauf, ein Lot, das zeigt, wo gerade ist. Daneben wird eine Tapete zu sehen sein, für die sie ihren Garten ausgemessen und eins zu eins an die Wand geklappt hat, und ein Alphabet der Zwischenräume: Zeichen für das, was zwischen den Buchstaben liegt, eine Stimme für die Sprachlosigkeit.

Was solche Arbeiten auslösen, lässt sich nicht planen. Ein Mann brachte Rigling einmal die Haube seines Kindes und wollte unbedingt, dass sie in den Teppich kommt; am Ende setzte er sich hin und nähte sie selbst ein. Eine Frau beschimpfte sie, weil dort auch die Unterhosen der Kinder eingenäht waren – ihre eigene Mutter hatte ihr als Kind gedroht, dem Lehrer ihre Unterhose zu zeigen. Abgelegte Kleidungsstücke halten eine Zeit fest, die sich nicht festhalten lässt. Vielleicht, sagt Rigling, hat das etwas Tröstliches.