Ein Motor, findet die eine. Ein Christbaum, sagt die andere. Das Bild, vor dem in der Albertina Modern gerätselt wird, trägt den Titel „Hommage an den Connétable de Bourbon“ – Georges Mathieu malte es 1959 in Wien vor Publikum, begleitet von der elektroakustischen Musik Pierre Henrys, des Großvaters des Techno. Also weder Motor noch Christbaum. Genau darin liegt der Reiz.
Ursula Strauss, Schauspielerin und Sängerin, geht an diesem Vormittag zum ersten Mal durch diese Räume. Eingeladen war sie schon zur Eröffnung des Hauses, kurz vor der Pandemie; die Veranstaltung fiel aus, drei Jahre vergingen. Jetzt steht sie in einem noch leeren Museum vor Malerei der Nachkriegszeit – Jackson Pollock, Mark Rothko, Maria Lassnig, Helen Frankenthaler – und bleibt gleich am ersten Bild hängen, einem Wolfgang Hollegha, dessen Farben ihr „sehr viel Raum für den eigenen Kopf“ lassen.
Die Texte an der Wand liest Strauss nicht. Sie strengen sie an und lenken ab, sagt sie; Bilder funktionierten anders als das geschriebene Wort. Abstrakte Kunst erwische sie seltener als eine Malerei, die eindeutig eine Geschichte erzählt – wenn sie sie aber erwische, dann ganz, weil der Verstand draußen bleibe. Dass es Räume für Kunst braucht, die nicht beschreibt, sondern nur emotional funktioniert, hält sie für wichtig.
„Kunst ist eine Behauptung. Und wenn die Behauptung gut ist, dann darf sie als solche bestehen.“
Eingrenzen, einsperren, durch Maßgaben regulieren lasse sich Kunst nicht – das wäre das Ende jener Angstfreiheit, die sie ausmacht. Sehr wohl aber dürfe man sagen: erreicht mich nicht. Vor einer Arbeit von Frankenthaler tut Strauss genau das, entschuldigt sich im selben Atemzug bei der Künstlerin – und bleibt beim nächsten Bild derselben Malerin doch wieder stehen.
Wann ist ein Bild fertig?
Vor einer blauen Leinwand mit zwei weißen Streifen stellt sie die Frage, die kein Wandtext beantwortet: Wann sagt eine Malerin, jetzt ist es fertig? Ist es der letzte kleine Pinselstrich oben im rechten Eck – oder war es einfach der Hunger? Wer meint, ein paar Pinselstriche könne er auch, hat für sie das Wesentliche übersehen: die Idee dahinter und das, was sich im Abwägen abspielt. Spüren könne man das vor dem Bild.
Die Gegenwart geht durch die Räume mit. In einer Übermalung von Arnulf Rainer sieht Strauss eine Brücke, denkt an die gesprengten Brücken in der Ukraine und an die Umweltfolgen, und stockt. Die Zeit sei belastend, so vieles schwele, dagegen tun könne man wenig – außer dem Versuch, optimistisch zu bleiben und im Kleinen etwas zu bewegen. Auch beim Feminismus sieht sie gerade Fortschritt zurückgedreht. Was der Begriff für sie bedeutet, fasst sie schlicht: sich gegenseitig stärker machen, unabhängig von Geschlecht und sexueller Orientierung, und sich nicht gefallen lassen, zum Objekt gemacht zu werden.
Künstlerin nennt sie sich trotzdem ungern. Dabei gehe es beim Spielen wie beim Singen – seit einigen Jahren steht sie mit dem Duo BartolomeyBittmann und mit Ernst Molden auf der Bühne – um Kopfarbeit, um einen eigenen Ansatz, um Angstfreiheit; das Klischee vom Beruf als bloßem „step on your marks and speak your lines“ hält sie für Quatsch. Und doch: „Irgendwie bringe ich es nicht mit mir in Verbindung.“ Vielleicht, überlegt sie, traue man sich das Wort nicht zu, wenn man es lange hochgehalten hat.
Im letzten Raum hängt Jackson Pollock. Fast wäre sie daran vorbeigegangen. Der Raum schreie nicht nach ihr, sagt sie, da passiere bei ihr nicht mehr viel. Und das vor einem Pollock. Ehrlicher kann ein Museumsbesuch kaum zu Ende gehen.
Shownotes
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