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April 6, 2022
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Albertina

Das elfte Kind eines Kurfürsten: Messerschmidts Büste in der Albertina

Im Vestibül der Albertina empfängt eine Marmorbüste, die ihrem Modell nicht schmeichelt. Kunstvermittler Roderick Martin erzählt, wie Herzog Albert von Sachsen-Teschen und Franz Xaver Messerschmidt zusammenfanden.

Das elfte Kind eines Kurfürsten: Messerschmidts Büste in der Albertina
Franz Xaver Messerschmidt, Herzog Albert von Sachsen-Teschen (Bleiguss), Bayerisches Nationalmuseum · Public Domain, via Wikimedia Commons

Wer im Vestibül der Albertina vor dem Eingang zu den Prunkräumen steht, wird von einem strengen Blick empfangen. Eine Marmorbüste, die ihrem Modell nicht schmeichelt: ein hervorstehender Unterkiefer, harte Züge, nichts Höfisches. Dargestellt ist Herzog Albert von Sachsen-Teschen, Begründer und Namensgeber des Hauses – und ausgerechnet dieses unbequeme Porträt übernimmt hier die Begrüßung.

Roderick Martin, Kunstvermittler in der Albertina und in der Albertina modern, erklärt zuerst den Ort: Vestibül heißt der repräsentative Eingangsbereich, wie ihn ein Schloss hat. Dann erzählt er, wie unwahrscheinlich die Karriere des Mannes im Marmor war. Albert kam 1738 als elftes Kind des sächsischen Kurfürsten zur Welt, der zugleich König von Polen war – eine Position ohne große Bedeutung. Umso erstaunlicher, dass Maria Theresia ausgerechnet ihn für ihre Lieblingstochter Marie Christine aussuchte. „Pauvre cadet“ habe die Kaiserin ihn genannt, den armen Jüngeren.

Geheiratet wurde 1766 in Schlosshof östlich von Wien, bald darauf ging es weiter nach Osten. In Pressburg, dem heutigen Bratislava, wurde Albert Statthalter von Ungarn, später übernahm das Paar dieselbe Aufgabe in Brüssel, in den Österreichischen Niederlanden. Auf einer Italienreise zu den Geschwistern Marie Christines, nach Florenz und Neapel, wurden den beiden in Venedig die ersten tausend Blätter überreicht. Der 4. Juli 1776 gilt seither als Gründungsdatum der Albertina.

Aus der Zeit kurz danach stammt die Büste. Geschaffen hat sie Franz Xaver Messerschmidt, ein aus Süddeutschland stammender Bildhauer, der in Wien an der Akademie studierte und für Maria Theresia arbeitete: Die Standbilder der Kaiserin und ihres Mannes Franz Stephan von Lothringen, heute im Belvedere, stammen von ihm. Berühmt wurde er für die Charakterköpfe, eine Serie von Büsten als Selbstporträts, in denen er, wie Martin sagt, „völlig schonungslos“ mit der eigenen Mimik umgeht: grimassierend, lachend, schreiend, in den leeren Raum starrend. In Wien riefen diese Köpfe Irritation hervor, Messerschmidt galt als verwirrt und geisteskrank und ging ins Exil nach Pressburg – dorthin, wo Albert lebte und zu seinem wichtigen Mäzen und Auftraggeber wurde.

Entsprechend wenig schmeichelhaft fällt das Porträt aus. Der Herzog wird nicht verklärt, sondern beobachtet: ein Werk im Zeichen der beginnenden Aufklärung, dem Erkenntnisgewinn verpflichtet und nicht der Repräsentation.

Genau so liest Martin auch die Sammlung, die Albert begründete. Mit über einer Million Zeichnungen und Grafiken zählt sie zu den größten grafischen Sammlungen der Welt, angelegt nicht als Huldigung an das Haus Habsburg, sondern enzyklopädisch, vom Mittelalter bis in die Neuzeit und dem Erkenntnisgewinn der Menschheit gewidmet. Dass die Begrüßung im Vestibül dem Herzog nichts schenkt, passt zu diesem Programm besser als jedes Denkmal. Das elfte Kind eines Kurfürsten hat es am Ende doch zu etwas gebracht.