Eine rothaarige Frau sitzt auf der Bettkante, ein weißes Laken hastig über den Körper gezogen. Die rechte Brust bleibt sichtbar, die Hand bedeckt die linke Brustwarze, der andere Arm ruht im Schoß. Ihre Augen haben dieselbe grau-blaue Farbe wie der Hintergrund und blicken ins Leere. Ovales Gesicht, schmale Nase, alles auf wenige Formen reduziert: Der „Weibliche Halbakt“ von 1918 hängt in der Albertina in der Sammlung Batliner.
Francesca Liva, Kunstvermittlerin in der Albertina und in der Albertina modern, ordnet das Bild in ein kurzes, rastloses Leben ein. Amedeo Modigliani kam 1884 in der toskanischen Hafenstadt Livorno zur Welt, als Sohn eines Kohlenhändlers und einer französischen Lehrerin und Übersetzerin. Früh zeigte sich sein Talent, ebenso früh die schlechte Gesundheit: Typhus, Tuberkulose, Rippenfellentzündung begleiteten ihn. Mit 17 Jahren sah er in Rom die Kunst der Antike und der Renaissance, danach stand die Berufswahl fest. Nach dem Studium in Venedig und Florenz ging er 1906 nach Paris.
Dort traf er André Derain, Pablo Picasso und Max Jacob. Entscheidend für seine Bildfindung waren aber die außereuropäischen Werke, die damals im Louvre und im Trocadéro zu sehen waren. Liva benennt deren Herkunft deutlich: Frankreich war im 19. Jahrhundert die zweitgrößte Kolonialmacht der Welt, im Zuge der Raubzüge wurden Völker versklavt, Masken und Skulpturen aus Afrika, Asien, Ozeanien und Amerika nach Europa verschifft und wie Trophäen ausgestellt. Ihre klare Vereinfachung der Form übernahm Modigliani – die maskenhaft leeren Augen, die schmalen Hälse. Fünf Jahre lang arbeitete er als Bildhauer, dann zwang ihn der eingeatmete Steinstaub zum Aufgeben. Ab 1914 malte er Porträts, ab 1916 auf Anraten seines Kunsthändlers Léopold Zborowski auch Akte, für die professionelle Modelle posierten: Frauen, die den Blick erwidern.
Genau davon setzt sich das Wiener Bild ab. Es entstand 1918 an der Côte d’Azur, wohin Modigliani mit seiner Partnerin, der Malerin Jeanne Hébuterne, ausgewichen war: Paris wurde bombardiert, seine Gesundheit verschlechterte sich, viel Alkohol und Tabak taten das Ihre. Der Süden ist an der Farbpalette abzulesen, an den helleren Blau- und Grautönen. Und an der Frau. Sie wirkt nicht selbstbewusst wie die Pariser Modelle, sondern unbehaglich. Professionelle Modelle waren dort kaum zu finden, deshalb fragte Modigliani eine Prostituierte – ein Beruf, der mit stundenlangem Stillhalten nichts zu tun hat.
Und doch zitiert das Bild eine alte Tradition: Die verhüllende Haltung ist die der Venus pudica, der schamhaften Venus aus Antike und Renaissance, die er als junger Mann in Rom entdeckt hatte. Maskenhaftes Gesicht und Renaissance-Pose stehen in einer Figur nebeneinander, ohne Reibung. Am 24. Jänner 1920 starb Modigliani mit 35 Jahren im Pariser Hôpital de la Charité an tuberkulöser Meningitis. Zwei Jahre zuvor hatte er ein Bild gemalt, in dem seine Welten friedlich zusammenfinden – anders als die Geschichte, die sie nach Paris gebracht hat.
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