Grün, in allen Nuancen, bedeckt fast die gesamte Leinwand. Grün sind hier allerdings keine Bäume, sondern deren Spiegelung: Weiden, die nur im Wasser erscheinen, dazu ein Stück Himmel mit weißen Wolken. Ein reines Wasserbild also, zwei Meter breit. Erst in der rechten Hälfte schwimmen die Seerosen, die Blüten zartrosa und gelb, die tellerförmigen Blätter hellblau.
Aline Panajotov, Kunstvermittlerin der Albertina und der Albertina Modern, steht im ersten Raum der Dauerausstellung Monet bis Picasso, der den französischen Impressionisten gewidmet ist. Claude Monets „Der Seerosenteich“ entstand zwischen 1917 und 1919 und misst laut Panajotov 100 mal 200 Zentimeter. Zu sehen ist der Teich, den sich der Maler in Giverny in Nordfrankreich künstlich anlegen ließ, in einem penibel gestalteten Garten. Monet, 1840 in Paris geboren und 1926 in Giverny gestorben, wurde vor allem mit dieser Serie bekannt: knapp 300 Seerosenbilder.
Dass es sie gibt, hat mit einer Erfindung zu tun, die der Malerei die Arbeit wegzunehmen drohte. Fotografie, erklärt Panajotov, heißt aus dem Altgriechischen übersetzt so viel wie Lichtmalen: Licht fällt gebündelt durch ein Objektiv auf einen lichtempfindlichen Bildträger. Von da an ließ sich die Realität sehr genau einfangen – bis dahin die Aufgabe der Malerinnen und Maler, die nach den Regeln der Kunstakademien und Salons arbeiteten. Einige sträubten sich, wollten die Rolle der Realitätsmaler nicht länger annehmen und suchten nach einer neuen Möglichkeit für das Überleben der Malerei.
Gefunden haben sie sie, indem sie die Konkurrenz kopierten: Das Auge übernahm die Aufgabe der Kameralinse, die Leinwand die des lichtempfindlichen Trägers. Mit schnellen, scheinbar ungenauen Pinselstrichen ging es um Lichtstimmungen und die Atmosphäre des Moments. Künstliches Licht taugte dafür wenig, also führte der Weg nach draußen, en plein air. Tragbare Staffeleien und synthetische Farben in Tuben machten die Freilichtmalerei praktikabel: Landschaft statt Interieur, Gegenwart statt Historie. Schwarz kommt in solchen Bildern nicht vor. „Das ist tabu“, sagt Panajotov, denn Schwarz ist die Abwesenheit von Licht.
Auch der Name der Bewegung war ein Vorwurf: Ein Kritiker – Louis Leroy, 1874 – hielt ein Gemälde Monets für unfertig, es sei bloß eine Impression. Gemeint ist aber genau das: nicht die Landschaft eins zu eins, sondern der Eindruck, den sie hinterlässt.
Am Seerosenteich lässt sich ablesen, wie weit Monet ging. Kein Element ist ausgearbeitet, die Seerosen bestehen fast nur aus Konturen, die Weiden aus senkrechten grünen Pinselstrichen, zwischen die blaue und violette Striche gestreut sind. An einigen Stellen scheint die Leinwand durch, an anderen liegt die Farbe pastos, also dick auf. Zu wenig Farbe oder zu viel: In der akademischen Malerei war beides unerwünscht, der Pinselstrich durfte nicht zu erkennen sein. Das Bild grenzt fast an Abstraktion.
Die Fotografie hat der Malerei die Realität abgenommen. Was übrig blieb, war der Eindruck – und der lässt sich bis heute nicht ablichten.
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