Was bleibt der Malerei, wenn eine Kamera die Wirklichkeit schneller, schärfer und billiger festhält? Um 1900 war das keine theoretische Frage, sondern ein Berufsproblem. Die Aufgabe, die Welt möglichst genau abzubilden, war vergeben. Malerinnen und Maler mussten neu begründen, warum ein Bild überhaupt gemalt werden sollte – und Wege finden, sich von der realistischen Darstellung der Fotografie abzugrenzen. Die Frage lautete nicht mehr, wie man etwas abbildet, sondern was sich zu malen überhaupt noch lohnt.
Henri Lebasque beantwortete die Frage 1911 mit einem beinahe beiläufigen Motiv. „Auf der grünen Bank“, heute in der Albertina, zeigt seine Tochter Marthe auf einer knallgrünen Bank, in einem bunt gemusterten, kimonoartigen Gewand. Die Muster und Farbkombinationen verweisen auf Stoffe aus Asien und auf die Begeisterung für Japan, die damals durch die europäischen Ateliers ging. Dieselbe Lust an starker, flächiger Farbe zeigt sich wenig später bei den Fauves, die den Spätimpressionismus ablösten. Die Bank selbst ist dabei kein Nebenschauplatz: Ihr Grün besetzt die Bildmitte so entschieden, dass es die Szene eher trägt als rahmt.
Das eigentlich Bemerkenswerte liegt aber in der Schärfe. Marthes Gesicht ist genau ausgeführt, realitätsnah, fast porträthaft. Im Hintergrund sitzt vermutlich ihre jüngere Schwester, und deren Gesicht ist nichts weiter als ein Farbfleck. Diese Aufteilung stammt nicht aus der Tradition der Malerei, sondern aus der Kamera: Ein Bereich wird scharf gestellt, der andere darf in die Unschärfe fallen. In der Malerei war ein solcher Unterschied bis dahin eine Frage der Bedeutung, nicht eine der Optik – Nebenfiguren wurden kleiner gemalt oder an den Rand gesetzt, aber selten aufgelöst.
Franziska Gänsler beschreibt, wie Lebasque damit umgeht – nicht als Nachahmung eines technischen Effekts, sondern als Übernahme eines Prinzips.
„Er wendet hier Mechanismen der Fotografie an, um seine Malerei zu verändern.“
Der Blick wandert so zwangsläufig zu der Tochter im Vordergrund, während das zweite Mädchen den Raum hinter ihr nur noch andeutet. Was wie eine Familienszene aussieht, ist damit auch eine Entscheidung darüber, was gesehen werden soll. Die Malerei übernimmt eine Aufgabe, die sie vorher nicht hatte: Sie lenkt, statt zu dokumentieren.
Darin lag die Befreiung, die in der vermeintlichen Krise steckte. Die Leinwand musste die Wirklichkeit nicht mehr kopieren, sie konnte eine subjektive Sicht auf sie behaupten. Ein kleines, unaufgeregtes Bild mit einer Tochter, einer Bank und einem Farbfleck markiert damit einen der leisen Schritte in die Moderne – und erinnert daran, dass neue Technik die Kunst nur selten ersetzt, sondern ihr meistens eine neue Frage stellt.
Shownotes
Mehr auf immuseum.at
IM MUSEUM





