Wenn die Kamera die Realität schnell und scharf einfangen konnte, was blieb dann noch für die Malerei?
Diese Herausforderung stellte sich auch Henri Lebasque, der 1911 das Werk „Auf der grünen Bank“ schuf. Das Gemälde zeigt seine Tochter Marthe auf einer knallgrünen Bank, ein kleines Porträt des Alltags – und doch ist es viel mehr. Lebasque spielt mit Kontrasten: Im Vordergrund steht Marthe in lebendigen Farben und klaren Linien, im Hintergrund erscheint ihre jüngere Schwester nur als sanfter Farbfleck. Diese Kombination von Schärfe und Unschärfe greift eine Technik auf, die in der Fotografie bereits üblich war.
Lebasque schafft hier eine Art malerische Fotografie: Die Schärfe von Marthes Gesicht zieht den Blick unweigerlich an, während der verschwommene Hintergrund Tiefe und Kontext bietet. Er setzt Farben wie ein Regisseur das Licht, lenkt die Aufmerksamkeit und lädt dazu ein, die Realität auf eine neue Weise zu erleben. Marthes kimonoartiges Gewand in leuchtenden Farben und asiatischen Mustern verweist zudem auf die damalige Begeisterung für den Fernen Osten, die die Künstler:innen der Zeit erfasste. Inspiration fand Lebasque hier ebenso wie in der Technik der Fotografie – beides diente ihm als Werkzeug, um die Malerei neu zu beleben.
In dieser Krise der Malerei lag also eine Art Befreiung: Es ging nicht länger darum, die Realität bloß abzubilden. Vielmehr wurde die Leinwand zu einem Experimentierfeld, zu einer Fläche für die subjektive Sichtweise und für den Ausdruck dessen, was das Auge nicht sofort wahrnehmen kann. Ein Bild, das heute sanft und bescheiden wirkt, war damals ein leiser, aber bedeutsamer Schritt in die Moderne.
Vor der grünen Bank in der Albertina zeigt sich, wie sehr die Technik – damals wie heute – die Kunst immer wieder auf neue Pfade lockt. Ein kleines Gemälde, eine große Idee: Die Kunst muss die Wirklichkeit nicht kopieren; sie kann das Unsichtbare sichtbar machen.
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